7. April 2016
19:30bis22:00

Einladung zu Vortrag und Diskussion

„Restorative Justice“ – ein Begriff, der nur schwer ins Deutsche übersetzbar ist – bezeichnet eine Idee, eine Theorie sowie eine weltweite Bewegung, deren Inhalt und Ziel es ist, mit schmerzhaften Konflikten und Unrecht einen anderen Umgang zu finden. Namentlich einen Umgang, der auf Strafe verzichtet, der keiner höheren Instanzen („Staat“) bedarf, sondern „den Konflikt den Menschen als ihr Eigentum zurückgibt“ (Nils Christie). Dabei handelt es sich keineswegs um eine neumodische Erfindung aus den USA, auch wenn dort verschiedene Praxen der RJ bereits einige Verbreitung gefunden haben, sondern um menschheitsgeschichtlich alte Prozesse, wie sie in kleineren bzw. nicht-staatlichen Gesellschaften auch heute noch üblich sind. Das interessanteste Experiment auf diesem Gebiet ist derzeit sicherlich der Versuch in Rojava, ein Justizsystem auf den Prinzipien der Restorative Justice aufzubauen.
Wichtige Eckpunkte der RJ sind der Dialogprozess zwischen allen Konfliktbeteiligten, die Übernahme von Verantwortung für die Handlungen der Vergangenheit und für den Prozess der Konfliktklärung, die Wiedergutmachung (oder eine Annäherung daran) sowie die Wahrung der Autonomie und der Respekt vor der Integrität aller. Für viele Menschen in der westlichen Hemisphäre scheint es zunächst unvorstellbar, dass sich Geschädigte und Beschuldigte an einen Tisch setzen, um über zum Teil äußerst schmerzhaftes Geschehenes zu sprechen. Inwiefern die Frage nach einer anderen, selbstbestimmteren Form der Unrechtsbewältigung aber unabdingbar ist, um wirklich über eine befreite Gesellschaft nachdenken und ihr näher kommen zu können, enthüllt sich erst auf den zweiten Blick: Wer den Knast nicht will, braucht eine Vorstellung von Alternative!
An diesem Abend werde ich versuchen, so gut es mir möglich ist, die verschiedenen Aspekte und Methoden der Restorative Justice zu erklären, Fragen zu beantworten, Zweifel ernst zu nehmen. Sicherlich werden wir auch über die Relevanz von RJ für die Konflitkkultur in der Linken sprechen. Insgesamt hoffe ich, Menschen Lust darauf machen zu können, ihre Angst vor dem Austragen – auch schmerzhafter – Konflikte abzulegen, in wirklichen Kontakt miteinander zu treten und Vorstellungen von Schuld und Strafe, die zu einem erheblichen Teil aus christlich-abendländisch-staatsfixiertem Denken entspringen, zu überwinden.

Ort: Besetztes Haus Zülpicherstrasse 290 in Köln https://karti14.noblogs.org/