Links sei da, wo keine Heimat ist. Diesen pseudoradikalen Spruch habe ich auch lange nachgeplappert. Dabei empfand ich eigentlich immer etwas anderes. Da es nach wie vor als schlaue Strategie »gegen rechts« gilt, auf dem Heimatbegriff herumzuhacken, allen voran Thomas Ebermann in »Linke Heimatliebe«, hier ein Versuch, ihn ideologisch zu entkoppeln. Es geht mir darum, zu zeigen, dass er nichts Böses an sich haben muss, dass es vielmehr ein sinnloses Unterfangen ist, Menschen dazu zwingen zu wollen, sich von einem emotionalen Teil ihrerselbst abzuschneiden, als sei das für die Emanzipation notwendig. Menschen Sentimentalität vorzuwerfen und sich zu wünschen, sie würden auf Grund rationaler Einsicht anders fühlen als sie tun, geht jedenfalls völlig am menschlichen Wesen vorbei und eignet sich eher für die Errichtung von Erziehungsdiktaturen als von freien Gesellschaften. Ich würde im Gegenteil vielleicht sogar soweit gehen, zu sagen, dass das Gefühl des Beheimatet-Seins als Teil von Ich-stärke eine Grundlage für Kosmopolitismus ist.

Ich habe Geographie studiert, eine Wissenschaft die sich mit der Beziehung von Menschen zu Orten befasst. Das Wort »Heimat« bezeichnet eine solche Beziehung. Alena Dausacker, die eine Masterarbeit zum Thema Heimat geschreiben hat, hat diese Mensch-Raum-Beziehung auf den Punkt gebracht. Ich zitiere aus ihrem Twitter-Thread, in dem sie die Gründung des »Heimatministeriums« kritisiert:

„Heimat ist subjektives Geborgenheitsempfinden, das mit einem konkreten, erfahrbaren Raum gekoppelt ist. Einem Dorf, einem Strassenzug, einer Landschaft.“

Und genau deshalb ist »Heimat« etwas anderes als »Patriotismus« oder Nationalstolz:

„Keiner nimmt den fucking Nationalstaat als Raum wahr. Das *können* wir gar nicht.“ Und: „Heimat ist subjektiv und bedeutet für jeden was anderes, wenn es auch bei Leuten aus derselben Region voraussichtlich signifikante Überschneidungen gibt. Heimat ist vor allem an Kindheitserinnerungen gekoppelt.“

Das ist der Grund, warum es sich hauptsächlich um einen Sehnsuchtsbegriff handelt: die Geborgenheit, die Sicherheit, die Sorglosigkeit sind mit dem Erwachsenwerden für immer verloren. Diesen Verlust kann man in einer besseren Welt zwar abfedern – durch soziale Sicherungssysteme und eine angstärmere Lebensgestaltung etwa – verhindern kann man ihn nicht. Erwachsenwerden bedeutet per definition Abschied von der Kindheit und man kann eben niemals dahin zurück, auch im Kommunismus nicht. »Meine Heimat ist die Sehnsucht«, soll der griechich-stämmige New-Yorker Dirigent Dimitri Mitropoulos einmal gesagt haben, wissend, dass der Ort, an den er zurück wollen würde, längst nicht mehr existiert: nicht nur, weil sich der Ort verändert hat, sondern auch, weil er selbst sich verändert hat. Er kommt nicht als der gleiche zurück, als der er weggegangen ist. Heimat ist also vor allem die Vorstellung von etwas.

Der Auskennen und Verstehen–Aspekt der Heimat.

Sich an einem Ort wirklich gut auskennen, seine kleinsten Ecken kennen und seine Veränderungen mitverfolgen und nachvollziehen, ist ein Faktor für das heimatliche Geborgenheitsgefühl. Ein anderer ist das Verstehen und Verstandenwerden. Die Sprache in ihren Nuancen und lokalen Spezialausdrücken durchdringen, sich ohne Anstrengung direkt verständlich machen – auch das fühlt sich nach »Zuhause« an. Diese beiden letztgenannten Aspekte sind die »mobilen« Aspekte von Heimat: Dort wo ich mich gut auskenne und mich verstanden fühle/mich verständlich machen kann, muss ich nicht herkommen, um mich beheimatet zu fühlen. Das kann ich mir aneignen. UND: das muss noch nicht einmal ein geographischer Ort sein. Es gibt auch »soziale« Heimaten – auch Thomas Ebermann dürfte »die Linke« als Heimat empfinden. Und so wie man im Dorf oder Stadtteil, wo man aufgewachsen ist, nicht alle mochte und mag und nicht mit allem einverstanden war und ist, so ist das auch mit einem sozialen Ort wie »der Linken«. Heimat ist nie homogen und widerspruchsfrei.

Zu so einem identitären, widerspruchstötenden Begriff wird Heimat erst, wenn man ihn über den erfahrbaren Raum hinaus ideologisch aufbläst. Alena Dausacker:

„Es gibt im Nationalstaat weder einen gemeinsamen Raum noch gemeinsame Erfahrungen, die heimatstiftend wirken. (…) Heimat ist eng mit Identität verknüpft und beides kann der Staat nur durch Narrative herstellen. Worauf das zwangsläufig hinausläuft, ist eine aufgezwungene Homogenisierung kultureller Erfahrungen(…)“

Man denke an die »identitätstiftenden Maßnahmen« zur Einigung Deutschlands im 19. Jahrhundert. Oder an das Seehofer’sche Heimatministerium.

Es mag Leute geben, die kennen eine solche Beziehung zu einem Raum nicht. Denen »läuft nicht das Pipi in die Augen« beim Anblick heimatlicher Landschaft (so beschrieb Hella von Sinnen einmal ihre Gefühlsreaktion, wenn sie von einer Reise zurück nach Köln kommt und mit dem Zug über die Hohenzollernbrücke fahrend den Kölner Dom erblickt). Das macht ja nichts. Vielleicht haben sie nie lange genug an einem Ort gewohnt, um sich in ihm geborgen zu fühlen, oder sie haben zu viele negative Erinnerungen an diesen Ort, als dass sie Sehnsucht nach ihm haben könnten. Vielleicht fühlen sie sich in sich selbst oder auf andere Art »Zu Hause«.

Ich kenne solche Gefühle durchaus. Bleiben wir beim Kölner Dom, es gibt wahrscheinlich viele Kölner*innen, die Hella von Sinnens Gefühl teilen. Ich selber habe 13 Jahre in Köln gewohnt, aber »Pipi in den Augen« habe ich keins, wenn ich zurückkehre. Ich kenne Köln gut, aber ich kenne es nicht in seiner Tiefe, es fehlt etwas. Und zwar: die gemeinsame Entwicklung mit dem Ort. Mir fehlen die an ihm pappenden Erinnerungen aus einer anderen Zeit (aus der Kindheit). Zwar habe ich lang genug hier gelebt, um manche Orte mit starken Erinnerungen und Gefühlen zu verknüpfen, und es gibt auch ein Gefühl der Vertrautheit, aber für »Heimat« reicht es nicht. Ich stehe beispielsweise noch heute ab und an fassungslos vor der Verwüstung, die die Stadt Köln auf dem Gelände des ehemaligen AZs in Kalk angerichtet hat: Rasen und Container wo einst so viel Leben war – und ich werde melancholisch und wütend. Es ist ein Verlust. Was dort war, war auch ein Stück Zuhause. Aber Heimat?

Landschaften und Orte können eine enorme emotionale Reaktion in Menschen hervorrufen. In »Karte der Wildnis« beschreibt Robert McFarlane, wie manche Menschen Kriege und Gefangenschaft überlebten, indem sie sich gedanklich an ihre liebsten Orte – einen Berg, einen See, Wald oder Wanderweg – versetzten. Das muss nicht unbedingt die Heimat gewesen sein, aber es ist klar, dass es um kleine (Natur-)Räume und eigene Erfahrungen geht, nicht um Staaten (die ja ästhetisch nur abstrakt erfahrbar) oder Länder (die auf Grund ihrer Größe kein erfahrbarer Naturraum sind) und schon gar nicht um deren widerspruchsbefreite Totalität, als bedeute Heimat, dass man auch mit der Politik der Regierung einverstanden ist. Im Gegenteil: ich kenne viele linke Bayer*innen, die sich in ihrer Landschaft sauwohl und mit ihr und ihrer Geschichte verbunden fühlen, aber im Dauerklinch mit der herrschenden Politik und mit manchen der anderen Einwohner*innen liegen.

Ich bin selbst so eine. Mich faszinieren alle möglichen Landschaften und ich kann vor der Schönheit der Natur in die Knie gehen (und über ihre laufende Vernichtung durch die Menschheit verzweifeln), aber nirgends breitet sich in mir diese sorglose Ruhe aus wie am Ufer des Starnberger Sees, den ich mit all seinen Stimmungen kenne wie keinen, in dem ich bei jeder Wetterlage gebadet habe, dessen Geschichte und Geschichten mir vertraut sind, in dem ich schwimmen gelernt habe und dem ich als Jugendliche meine Sorgen anvertraute. All das ist präsent, wenn ich ihn heute besuche. Das gute und das schreckliche. Genau deswegen ist er Heimat – das kann der Rhein oder das Mittelmeer niemals sein, hier war ich nicht glückliches Kind und nicht deprimierte Jugendliche. Und es gesellen sich andere Erinnerungen dazu: der Geschmack von frischen Radieschen und Schnittlauch auf Butterbrot. Der Geruch der trocknenden Seekiesel und des alten Mannes, der uns in seiner Kiosk-Hütte Ed von Schleck Eis verkaufte. Der Gesang von Amseln und das Zilpen von Schwalben, die über dem Wasser Mücken fangen. Läutende Kirchenglocken. Menschen die sich »Servus« begrüßen und der Geschmack von Augustiner-Bier. Das Platschern der Wellen. Der Blick auf die Zugspitze – oder nicht, je nach Wetterlage. Natürlich gibt es all die Elemente anderswo auch, aber es gibt sie nicht so. Ihre Kombination ist immer einzigartig. Schon der Ammersee ist nur noch halb Heimat. Und der Chiemsee ist schön, aber Heimat ist er eigentlich nicht mehr, denn ich kann mich zwar verständigen und ich kenne die kulturellen Codes, aber er ist mir nicht vertraut.

Wurzeln und Flügel

Es gibt dieses ausgelutschte Sprichwort, nachdem Eltern ihren Kindern Wurzel und Flügel mitgeben sollen. Dahinter steckt die Idee, dass ein psychisch starker Mensch, der sich seiner Herkunft und seiner Geschichte bewusst ist – der also Wurzeln bekommen hat, zu denen er stehen kann – offener ist für Veränderung, leichter damit umgehen kann, sich nicht so schnell bedroht fühlt. Das sind psychologische Basisweisheiten. Und doch werden sie im politischen Handgemenge gerne übersehen. Und so wird dann im Kampf gegen »rechts« der Heimatbegriff über Bord geworfen, anstatt ihn zu differenziert zu denken. Wieso diese Denkfaulheit? Das ist zwar ganz nett, wenn man unter sich bleiben und sich dabei für möglichst radikal halten will, es führt aber nicht weiter und argumentiert am Erleben der Menschen vorbei. Bairische Linke sehen seit Jahrzehnten mit einer gewissen Stoizität über diese (nord-)deutschen Anti-Heimat-Allüren hinweg. Nirgends habe ich Anarchie und Heimatverbundenheit so schön im Einklang gesehen. Antinazi-demos mit Dirndl. Das ist Drag! Da lässt sich was zurückerorbern und umdeuten. Hier wird schon lange von links um die Deutungshoheit gekämpft: die Kritik von Achternbusch, dass, wo früher Bayern war, heute »die Welt« sei, ist gerade NICHT als ein Beharren auf lokalem Hinterwäldlertum zu verstehen, sondern als eine frühe Kritik an der gleichmachenden kapitalistischen Kultur, die alle Eigenheiten verwurstet und einen Einheitsbrei ausspuckt, um »aus Fremden Konkurrenten machen« zu können (Marianne Gronemeyer), die sich so besser ausbeuten lassen.

Es macht also Sinn, einen individuellen und auf konkreten Erfahrungen bezogenen Heimatbegriff stark zu machen, weil man so einen ideologischen Heimatbegriff aushebeln kann, der nur der Aufrechterhaltung der Herrschaft dient. Mit der Verteufelung des Heimatbegriffes gewinnt man aber keinen Blumentopf und schon gar nicht die Herzen der Menschen. Dort, wo ich eine oder auch mehrere Heimaten haben darf und kann, teile ich sie gerne mit anderen, kann ich sie gelassen kritisieren und sie in ihrer Widersprüchlichkeit anerkennen. Da, wo man sie mir wegnehmen will oder abspricht, werde ich sie gegen diese Angriffe verteidigen und zunächst für mich behalten wollen. Womit sich dann linke Heimatkritiker*innen darin bestätigt fühlen, dass Heimatverbundenheit zu Fremdenhass und Kleingeistigkeit führt und man sie umso mehr bekämpfen muss, was auf der anderen Seite zu umso verstärkten Verteidigungsaktivitäten und Verlustängsten führt. Was für ein Theater!

Um mit Alena Dausacker zu enden:

»Habt eure Heimaten, wo ihr wollt. Wechselt sie, spielt mit ihnen, fasst sie so groß oder  klein, wie ihr wollt. Aber seid Euch dessen bewusst, dass Heimaten euch allein gehören, denn jed*r hat eine eigene.« (oder mehrere)