So #g20 das nicht, linke Bewegung!

UPDATE: erweiterte Fassung! (10.07.)

Der Gipfel wird uns noch lange beschäftigen. Verletzte müssen genesen, Stafverfahren durchgestanden werden, Schlüsse gezogen und Ergebnisse ausgewertet werden. Bevor auch ich wieder in mein anderes Leben zurückkehre, will ich hier, aus meiner Bleibe in Eimsbüttel, einen sprichwörtlichen Steinwurf von der Schanze entfernt, an der Debatte darüber teilnehmen, was das nun alles war und sollte.

Zunächst: Ich bin kein Gipfelfan (mehr). Die Globalisierungsbewegung war Teil meiner politischen Sozialisierung, aber sie hat sich überlebt, und was hat sie erreicht? Ich weiß es nicht (nix?), ich weiß nur, dass ich nicht die einzige bin, die sich irgendwann fragte, was dieser Gipfelhype soll und welchen Zweck das hat. Schon lange interessiert es mich viel mehr, konkrete Kämpfe vor Ort zu führen, zusammen mit Betroffenen. Veränderung im Alltag zu schaffen, Alternativen zu kreieren, ein politisches Leben zu leben. Ein Grund, das Buch „Dabei Geblieben“  zu schreiben, war, dass die Perspektivlosigkeit der linksradikalen Bewegung mich ratlos machte.  Gut, ich habe mal wieder an so einem »Event« teilgenommen, auch weil die Idee, dass das ungestört über die Bühne geht, unerträglich ist. Aber: was hier passiert ist während der ganzen Woche, ist furchtbar tragisch.

Von Beginn an hat die Polizei deutlich gemacht, dass sie auf Eskalation setzt. Den Aufbau der Camps behindert, sich über Gerichtsentscheidungen hinweggesetzt, provoziert. Die Stimmung wurde zunehmend gereizt. Trotzdem war die Tanzdemo am Mittwoch noch bester Laune und ein wunderbarer Ausdruck unserer Vielfältigkeit, unsere Sehnsucht nach gutem Leben, unserer Lebensfreunde. Aber dann kam der Donnerstag. Und ab hier wurden viele Fehler gemacht. (Und  viele Versäumnisse gab es schon in der Vorbereitung.)

»Man kann sinnlose Zerstörung und Polizeigewalt gleichzeitig scheisse finden, ich hab’s für Euch getestet.« (Tweet)

Es war für jede*n mit ein bisschen Erfahrung und Hirn deutlich zu erkennen, dass die Polizei die »Welcome to Hell«-Demo nicht würde laufen lassen. Eine linksradikale Demo ohne Auflagen: das gibt es nicht. Es war auch vielen klar. Und trotzdem sind ein paar Tausend Leute sehenden Auges in die Falle gelaufen. Warum? Die Szenarien waren doch ausreichend unattraktiv: entweder man landet in einem Kessel und steht sich stundenlang die Beine in den Bauch bis man in der Gesa endet oder häppchenweise irgendwann freigelassen wird. Oder jemand liefert den Anlass (und wenn es keine*r von selber macht, dann gibt es wen, der/die dafür bezahlt wird) für einen brutalen Eingriff, es eskaliert und die Randale geht los. Dabei ist klar, dass es zu Schwerverletzten und Toten kommen kann (Genua), und die Polizei hat genauso agiert: Massenpanik vor einer Mauer auslösen, Leute wahllos brutal verletzen, die Versorgung von Verletzten nicht zulassen etc.

Die Frage, die hier zur Debatte steht, ist nicht, ist Militanz gerechtfertigt und gut, sondern: warum zum Henker machen wir uns zum Affen für die Bullen? Es ist eindeutig, dass sie diese Bilder wollten, und wir liefern sie ihnen! Sie verfolgen, im Gegensatz zu uns, und das ist meine Kritik, ein politisches Ziel und haben dafür eine Strategie. Wir sind darin die Marionetten, die nützlichen Idiot*innen. Wir haben nämlich weder einen Plan davon, was wir eigentlich wollen, noch eine Idee, wie wir da hinkommen. Wenn wir die hätten, würden wir schlauer agieren. Zum Beispiel hätte man sich für die W2H-Demo einen Plan B ausdenken können, der die Bullen austrickst und vor logistische Schwierigkeiten stellt, sich an einem politischen Ziel orientiert und nach außen vermittelbar ist. (Auch die Abwesenheit von polizeilichen Kräften in den anderen Städten ausnutzen ist ne super Idee. Wieviele Häuser man hätte besetzen können an diesem  Wochenende!)

Stattdessen unfassbar berechenbares Verhalten. Das lässt sich auch daran erkennen, dass es die ganze Zeit möglich war, an die Strecke der Deligierten zu kommen, wie die Fotos, die Gaffer_innen von Limousinenkolonnen machen konnten, beweisen, und wie ich selbst auch erlebt habe, als ich mich am Samstag mit dem Fahrrad verfahren habe. Überall waren Passant_innen, zu Fuß und zu Rad, mitten zwischen Luxuslimousinen, Delegationen, Kolonnen etc – nur Demonstrant_innen waren keine da. Sprich: man hätte einsickern können. Dafür muss man aber seine schwarzen Lieblingsklamotten zu Hause lassen und in der Lage sein, sich unauffällig zu verhalten und dann intelligent zu agieren. Stattdessen wird fernab im Wanderkessel demonstriert und das eigene Viertel demoliert.

Die Polizei ist ein Feind, aber nicht der Gegner. Der Gegner ist die kapitalistische Moderne.

Was soll das? Angeblich musste man »die Schanze gegen die Bullen verteidigen«. Es ging aber darum, einen Gipfel zu verhindern und die Herrschafts des globalen Kapitals symbolisch anzugreifen, oder irre ich mich? Warum hätten die Bullen denn in der Schanze rumnerven sollen, wenn es einen Riot in Blankenese und an der Alster und an anderen Wohn- und Arbeitsorten von Profiteur*innen gegeben hätte, wenn die ganze Zeit Leute an der Strecke eingesickert wären und Sitzblockaden gemacht hätten, so dass nix ist mit Konzert in der »Elphi«? Ja, ich weiß, es liefen Freitag tagsüber Blockaden, z.T. erfolgreich und gut organisiert. Super war auch die Critical Mass, die stundenlang durch Hamburg fuhr mit tausenden Teilnehmer_innen und so für ein bisschen Unordnung und Unberechenbarkeit gesorgt hat. Währenddessen glaubten irgendwelche Leute, man müsse Barrikaden in der Schanze bauen und dort eine Situation mitkreieren, die völlig aus dem Ruder läuft, wortwörtlich brandgefährlich ist, überhaupt kein politisches Ziel mehr verfolgt und nach außen total unvermittelbar ist. Vor der eigenen Haustür. Wtf. (Und obendrein: nein, es wurden nicht »nur« Rewe und Budni geplündert, man konnte am nächsten Tag sehen, dass die Entglasungen alle möglichen Kleinhändler*innen getroffen haben.)

Man kann aus Rojava und aus Chiapas lernen, dass eine politische Bewegung ein Ziel, eine Perspektive und eine Strategie braucht und in jedem Moment in diesem Kontext und intelligent handeln muss, wenn sie es erst meint. (Dessen bin ich mir bei manchen Hobbyaktivist_innen gar nicht so sicher. Wollen sie WIRKLICH die Welt verändern oder nur ein bisschen das eigene Gewissen beruhigen oder ihre rebellische Phase ausleben?) Zu einer solchen Strategie und intelligentem Handeln gehört dann, die gerade passende Aktionsform auszusuchen, und die kann auch mal militant sein und für Unordnung sorgen. Sie kann aber auch heißen, die Füße still zu halten und den richtigen Moment abzupassen, um mit zwei, drei koordinierten Handlungen eine Blockade oder einen Sabotageakt auszuführen. Oder vieles Andere. Eine Aktionsform ist keine Identität, sondern ein Mittel, um ein Ziel zu erreichen. Sie wird zur Identität, wenn man kein Ziel hat. (Und natürlich ist auch der Weg das Ziel und kein Zweck heiligt irgendwelche Mittel, Widersprüche mitdenken, reflektieren ist also angesagt).

Man kann aus London und Paris lernen, dass willenloses Herumrandalieren zu absolut gar nichts führt außer zu Repressionsverschärfung. Für die Leute dort hat sich durch die Riots nichts, aber auch gar nichts an ihrer Lebenssituation verbessert. Weder werden sie weniger polizeilich drangsaliert, noch haben sie bessere Lebensgrundlagen. Für sowas braucht man eine organisierte Bewegung mit Zielen und einem politischen Bewusstsein, das bei jedem und jeder Einzelnen dafür sorgt, das eigene Handeln in den Kontext des Ziels und der Strategie zu stellen und daran auszurichten. Kollektive Intelligenz. Nicht umsonst hatte der US-Staat tierischen Schiss vor den Suppenküchen der Black Panthers, weil das Orte der kollektiver Bildung waren, die ein politisches Bewusstsein erzeugt haben.
Von besonnenem, verantwortlichem, intelligentem, zielorientiertem Handeln habe ich dieser Tage in Hamburg so wenig gesehen. (Wenig, nicht keins. Es gab gute Aktionen) Vielmehr ging die Strategie der Polizei auf, den Protest sich selbst diskreditieren zu lassen, die Krawalle auf das eigene Viertel zu lenken anstatt auf die Routen der Delegierten, die Diskussionen auf die Riots zu konzentrieren anstatt auf die Inhalte des Protests – und wir haben dabei die uns zugewiesene Rolle perfekt ausgefüllt. (Und erzählt mir jetzt nix von der proletarischen Qualität der Plünderungen, das sind verzweifelte Rechtfertigungsversuche, die nur die eigene Konzept- und Orientierungslosigkeit verschleiern.)

Natürlich kann man nicht das Verhalten jeder einzelnen Person kontrollieren, aber eine Bewegung, die weiß was sie will und die ein politisches Bewusstsein und eine kollektive Intelligenz besitzt, ist in der Lage, Situationen, die ihren erklärten Zielen entgegenlaufen, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Und sie ist in der Lage, auf die Strategien der Gegenseite zu reagieren, anstatt sich vor deren Karren spannen zu lassen, sowie, die Konsequenzen mit einzuberechnen und kollektiv zu tragen. Insofern sind die Ereignisse der vergangenen Tage nur der Ausdruck des desolaten Zustands der linksradikalen Opposition. Wenn es also heißt, dass Rojava ein Hoffnungsträger für die Menschheit ist, dann ist das auch deswegen wahr.

Den Verletzten eine baldige Genesung, den Kriminalisierten Solidarität, der Bewegung eine konstruktive Reflexion.

Antworten/Kommentare sind sehr erwünscht. Ich möchte, dass die Sachen sich ändern, dass wir etwas entwickeln. Pöbeleien werden hier ignoriert.

+++++UPDATE++++

Es gibt einige ebenso interessante Auswertungen und erste Debattenansätze hier:

http://lowerclassmag.com/2017/07/wollt-ihr-tote-ihr-chaoten/

Ich hab da einen langen Kommentar geschrieben, der noch viele Punkte ergänzt.

Der Weg in den Autoritarismus beginnt nicht mit Krawallen

Was in Gesprächen mit Leuten noch aufkam, und auch als Antwort auf manche Kommentare:

Es ist wichtig, sich mit der Frage nach den »erlebnisorientierten Jugendlichen« zu befassen und zu verstehen, was da passiert. Sie zu organisieren müsste das Ziel sein. Dabei habe ich wirklich gar keinen Bedarf an Romantisiererei. Diese riots sind eine Sackgasse.

Das andere ist: wir brauchen eine Strategie, um diese Polizeigewalt zurückzudrängen und damit umzugehen. Das heißt, gleichzeitg eine Aufklärungskampagne, Klagen etc, zweitens konkrete Strategien sich zu schützen, die vermittelbar und partizipativ sind. Vielleicht lohnt es sich, das mit der Passivbewaffnung vor dem Hintergrund von HH nochmal vor dem VerfG durchzuklagen oder so.

14 Antworten zu “So #g20 das nicht, linke Bewegung!

  1. ja! you nailed it. danke.

    freund*innen, wir müssen reden.

    lg aus der nachbarschaft

  2. Aus der Distanz

    Wichtige Punkte in Deinem Beitrag. Aus der Distanz und angewiesen auf die zugegebenerweise vielfältigere mediale Berichterstattung als bei früheren, ähnlichen Anlässen ein paar Ergänzungen:

    1. So neu ist das alles nicht – weder das Ausmaß, noch die Reaktionen. Westberlin 1.Mai 87, die „Silvesterkrawalle“ in Bremen der späten 1980er und frühen 90er, die Eröffnung der „Neuen Flora“ in Hamburg Mitte der 90er – all das war teils von den Ausmaßen sogar noch heftiger. Ebenso wie die Reaktionen von Rechts, die allerdings in Netzzeiten einen größeren Resonanzraum finden.

    2. Ebensowenig neu ist die Fixierung/Begrenzung auf den „eigenen“ Kiez / das eigene Viertel. Das wurde schon vor Jahrzehnten ebenso kritisiert, wie Du es machst. Und die ständige Wiederholung gleicher Fehler ist ein Indiz für die Unfähigkeit des Lernens in der Linken. Aber auch ein Indiz für fehlende (u.a. personelle) Kontinuitäten.

    3. Unfähig (und selbstüberheblich) ist es auch, sich nicht mit den Strategien der Gegner zu beschäftigen. Das ganze polizeiliche Drehbuch für HH liess sich schon vorher nachlesen:

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Summit_policing

    Bei der Betrachtung fällt quasi eine EinszuEins-Umsetzung auf, mit Schwerpunkt auf dem Attribut „militarisiert“. Eigentlich könnte mensch ja erwarten, dass sich die vorbereitenden Strukturen vor einem solchen Ereignis auch mit solchen Konzepten befassen und die eigenen Strategien und Taktiken darauf abrichten. *Eigentlich*

    4. Das Problem mit „erlebnisorientierten“ Jugendlichen, Partyleuten, womöglich Hooligans und anderen primär krawallorientierten ist auch nicht neu, wenn auch vielleicht im Ausmaß heftiger als früher. Da gab es dann allerdings auch organisierte Gruppen, die zb. Hardalk bei Plünderungen konsequent vernichtet haben. Oder auch einen Blick drauf hatten, wenn Leute unvermummt agierten. Davon war jetzt nichts zu sehen. Was ebenso für einen Rückschritt bzw. das Nichtlernen spricht.

    5. Ein Punkt allerdings muss noch angemerkt werden, der bisher fast überall untergegangen ist: aus vielen Fotos/Berichten aus der Schanze lässt sich schliessen, das auch Leute u.a. aus Spanien, Italien, Frankreich… dabei waren. Also aus Ländern, in denen erstens die deutsche Politik schwere Verwüstungen angerichtet hat, zweitens die Konfrontationen mit der Polizei oft genug ein anderes Level haben, und drittens solche Diskussionen wie hier eher bizarr wirken dürften. Keine Ahnung, ob aus diesen Ländern noch Statements kommen, aber das sollte nicht aus dem Blick geraten: das war auch für den Protest ein *internationales* Ereignis, und keine rein deutsche Nummer.

  3. Gerhard Biederbeck

    Dieser Artikel zeigt Vernunft mit gesundem Menschenverstand und politisch strategisches Bewusstsein.
    Das ist einfach wahr!

  4. Guten Morgen Rehzi , das hast Du sehr gut zusammengefasst und jedes Wort spricht mir aus dem Herzen . Danke für diesen Text . Grüße aus dem Süden , Tom

  5. Ich hoffe, auch als Außenstehende hier einen Kommentar abgeben zu können:
    1.
    >“Die Globalisierungsbewegung war Teil meiner politischen Sozialisierung, aber sie hat sich überlebt, und was hat sie erreicht? Ich weiß es nicht (nix?)“
    Das verstehe ich nicht. Auf mehreren Ebenen. Zuerst einmal, weil doch die Idee der „internationalen Solidarität“ ohne Globalisierung gar nicht möglich ist. Das Gegenteil von Globalisierung ist nationalistischer Protektionismus, wie ihn etwa Trump oder Putin anstreben. Was ist also die Alternative?
    Und, was hat die Globalisierung erreicht? Wir sind uns denk ich einig, dass die Welt die letzten 40 Jahre einen umfassenden Boom von Kapitalismus und Globalisierung gesehen hat. In der gleichen Zeit ist die globale Kindersterblichkeit weltweit um 65% gesunken, Anzahl der Menschen die weltweit in Armut leben ist um 80% gesunken (und schneller als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit!), die Lebenserwartung hat sich global um 10 Jahre erhöht. Das sind ganz bemerkenswerte Fortschritte.

    2.
    Zum eigentlich Inhalt deines Beitrages: Deine kritische Reflexion ehrt dich sehr, allerdings glaube ich, dass du da deine Peer Group intellektuell schon längst abgehängt hast. Ich kann nur aus meiner persönlichen Erfahrung und denen, die ich von Bekannten sowie diversen Medien gefunden habe, sprechen: Ein sehr großer Teil der Teilnehmer scheint an dem politischen Hintergrund der Demonstrationen überhaupt kein tiefgehendes Interesse zu haben, sondern ihn mehr als Rechtfertigungsvehikel zu sehen („irgendwas gegen Kapitalismus“). Es schien mir mehr ein soziales, kein politisches Happening zu sein – wie ein Festival, für das man keinen Eintritt zahlt, und wo es ein bisschen Action geben wird. So lässt sich auch die völlig irrationale Entgleisung inklusive der Attacken auf Kleinunternehmer erklären.

    3.
    Weil du vom „nach außen vermitteln“ sprachst: Für mich als Außenstehende ist so eine Vermittlung von Anfang an schwierig, weil ich gar nicht verstehe, wogegen eigentlich protestiert wird. Das liegt erstens an den Punkten, die ich unter 1. beschrieben habe. Zusätzlich kommt aber noch, dass man auch als Kapitalismuskritiker den G20-Gipfel feiern müsste, weil man dort ja gerade Regelungen und Beschränkungen festlegt. Es geht also gerade darum, einen ungezügelten Anarchokapitalismus zu verhindern, sondern ihm ein soziales und verantwortungsvolles Gepräge zu geben, etwa in Sachen Klimaschutz oder Entwicklungshilfe. Was daran so verwerflich ist, habe ich nie verstanden, und mir hat es auch vor Ort niemand erklären können (außer: „irgendwas gegen Kapitalismus“). Wie die Demonstrationen dann letztendlich ausgegangen sind hat mich in meinem Vorurteil, das ich mir gebildet habe, dann nur bestärkt.

    • Aus der Distanz

      @Kim

      Zunächst mal gibt es keinen „guten regulierten Kapitalismus“. Wenn Sie da das Modell der „alten“ BRD vor Augen haben sollten – das war eine historisch einmalige spezifische Ausnahme, geschuldet der Situation nach dem 2. Weltkrieg. Und diese Situation wird nie wieder kommen.

      Auch Ihre Belege, dass sich global Verhältnisse gebessert hätten, ist fragwürdig. Eher werden mehr und mehr Zonen des Planeten – besonders, aber nicht nur in Afrika – mangels irgendetwas Interessantem für den „Freien Markt“ sich selbst überlassen. Und die dortigen Menschen sind nicht einmal mehr als KonsumentInnen nötig.

      Auf der anderen Seite breiten sich prekäre und unsichere Verhältnisse seit langem schon bis in die westlichen Metropolen aus. Schon mal ein Blick in die USA (VOR Trump) geworfen? Oder nach Großbritannien? Von den EU-Südstaaten ganz zu schweigen.

      Was nun die G20 betrifft: schon mal die sog. Ergebnisse dieses Gipfels, aber auch der vorherigen, angeschaut? Da wird nix „verbessert“ oder „gelöst“.

      Und der aus meiner Sicht wichtigste Punkt ist das akltuelle Personal dort: Autoritäre Säcke wie Trump und Putin, ein Kriegsverbrecher und fast voll ausgebildeter islamo-faschistischer Diktator wie Erdogan, die Saudis, neoliberale Korruption aus Barsilien, Indien, Japan, die Vertreter der chinesischen Dystopie… und dann Merkel, die mit für die Verwüstungen der letzten Jahre in Südeuropa verantwortlich ist. Kurz: eine Bande hochgradig krimineller bis offen staatsterroristischer Widerlinge, die global millionenfach für Kriege und Verbrechen steht. Alleine DIESER Punkt sollte eigentlich ausreichen, um so ein Event komplett in der Elbe zu versenken.
      Und wenn Sie ein Treffen solcher Gestalten als irgendwie „legitim“ oder „nützlich“ betrachten, haben wir an diesem Punkt schon mal keine Geprächsgrundlage mehr.

      • Hallo nochmal,

        Warum findest du (soll ich dich siezen? ist ungewohnt) die Belege fragwürdig? Die Zahlen zur Kindersterblichkeit oder der Lebenserwartung oder zu den Armutsverhältnissen sind sehr gut belegt. Es stimmt, dass in Subsahara-Afrika die Zahlen nicht so schnell angestiegen sind, bzw sogar zeitweise stagnierten, aber das ändert an den Fortschritten im Rest der Welt (inkl. dem Rest von Afrika) doch nichts.

        Ich bin nicht ganz sicher, was du mit dem Hinweis auf die Staaten oder Großbritannien meinst. Ich war in den Staaten und habe in London studiert. Es war in den Staaten anders als in meiner Kindheit (Clinton-Ära), das lag aber glaub ich in erster Linie an der Angst vor Terrorismus und Gewalt. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland im Deutschen Herbst war, aber ich könnte mir vorstellen, dass es sich ähnlich angefühlt hat.

        Dass die G20-Gipfel nichts bringen sollen, hab ich schon öfter gehört. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Klar, jetzt nach dem Gipfel steht nicht plötzlich die Welt Kopf. Aber denkst du nicht, dass persönliche Aussprachen zwischen Politikern in so einem privaten Setting eine besondere diplomatische Wirkung haben können? Gerade bei so Hitzköpfen wie Trump kann ich mir vorstellen, dass diese direkte Konfrontation sehr viel Wirkung zeigt. Ich finde es auf jeden Fall besser, wenn es solche persönlichen Aussprachen gibt als wenn jeder sein protektionistisches Süppchen kocht. Und gerade deswegen ist es wichtig, dass dort auch etwa ein Erdogan oder ein Putin mitmischen, damit man auf sie einwirken kann und sie nicht politisch völlig isoliert, was sie radikalisieren könnte.

        Was mich zum letzten Punkt bringt; wenn deine Gesprächsbereitschaft schon zu Ende ist, wenn jemand den Gipfel irgendwie nützlich findet, dann läufst du Gefahr, dich in einer sehr engen Filterblase wiederzufinden, was ebenfalls zur Radikalisierung beitragen kann. Deswegen denke ich, dass der Austausch mit Andersdenkenden wichtig ist. Egal ob hier oder auf dem G20-Gipfel.

        Schöne Grüße

        • Darf ich darauf hinweisen, dass diese Diskussion sicherlich wichtig und notwendig ist, denn offensichtlich gibt es viel zu klären. Das Thema ist nur so gar nicht das Thema meines Textes.
          Ich werde dazu nicht mehr sagen als: Zu glauben, dass es etwas hilft, wenn man den Bock zum Gärtner macht, ist mindestens naiv. Die „Führer“ dieser Welt (und die Tatsache, dass es ihren Posten überhaupt gibt) sind das Problem und können daher zwingendermaßen nicht Teil der Lösung sein.
          Ende der Durchsage.

    • Ich möchte mir noch einen kurzen Nachtrag erlauben: Bitte schau dir doch mal einen Ländervergleich der von dir genannten Statistiken an und du wirst feststellen, dass Cuba in sämtlichen Bereichen einen der vorderen Plätze belegt und EU-Staaten sowie bei Kindersterblichkeit selbst USA und Kanada hinter sich lässt. Die weltweiten Verbesserungen der letzten Jahrzehnte in diesen Bereichen haben nichts mit Kapitalismus zu tun. Korrelation bedeutet keine Kausalität!

  6. Ein sehr treffender Kommentar. Respekt.

    Wobei ich mich frage: Wieso finden nicht wöchentlich intelligente Aktionen vor dem Kanzleramt oder dem Finanzministerium in Berlin statt? Dort sitzen die Vollstrecker und Exekutoren der neoliberalen Konterrevolution. Aus Dummheit und ideologischer Verblendung hätscheln sie im Namen der Freiheit vor allem die Offiziere – aber auch die Unteroffiziere – des Kapitals.

    Im Verein mit den Kozernmedien werden der Bevölkerung die Zumutungen durch Arbeitszwang und Fremdbestimmung als alternativlose Verwirklichung von Freiheit und Selbstbestimmung verkauft.

    Zu viele in der Bevölkerung können oder wollen nicht sehen, dass der Irrsinn dieser Welt ein einziges Grundübel hat: Die bewusst-, maß- und ziellose Selbstverwertung des Wertes. Das Menschen und Natur fressende automatische Subjekt: Das Kapital. Wurde von einem gewissen Karl Marx schon mal ziemlich präzise kritisiert. Ich fürchte, die Kritik haben zu viele nicht verstanden.

  7. Moin!

    Nur eine kleine Anmerkung… haben Sie versucht, am WE mit mehr als 4 Menschen „einzusickern“? Als Einzelperson oder zu zweit war die Bewegungsfreiheit ok, aber mit etwas mehr Menschen war da nix mehr mit „einsickern“.

    • Also da wo ich war, waren so viele Einzelpersonen, dass sie, wenn sie sich gekannt hätten, durchaus viele gewesen wären. Man muss ja nicht immer in der Gruppe unterwegs sein…

  8. Auch auf die Gefahr hin, die linke Echokammer („Ende der Durchsage!“, „keine Gesprächsgrundlage mehr!“) zu stören, die sich gegen Menschen richtet, die hier zu kritisch oder nachdenklich oder grundlegend sind: ein absolut lesenswerter Artikel von Armin Nassehi als kleiner Versuch der Ideologiekritik:

    http://www.zeit.de/kultur/2017-07/g20-linke-gewalt-kapitalismuskritik-globalisierung-essay/komplettansicht

  9. „Federt und teert sie und jagt
    die Straßen aus der Stadt
    In den Straßen legt der Staat
    uns in Feuer und Flamme“

    So schön vieldeutig und treffend sangen einst „Cpt. Kirk &“ auf ihrer grandiosen LP „Reformhölle“. Das Problem, das generelle Problem ist, dass sich der Kapitalismus ALLES zur eigenen Herrschaftssicherung dienlich machen kann, auch die militanteren Formen des Protests. Das Kapital bat in Hamburg zum „Tanz“ und alle tanzten mit. Eben auch jene, die dagegen „tanzen“ wollten. Der Protest ist dabei eingeplanter Teil jener Inszenierung namens G20, die nichts weiter als das Schmierentheater für das „gemeine Volk“ ist, das man zur Legitimierung der kapitalistischen Herrschaft ab und an meint veranstalten zu müssen. Als ob die, die sich da treffen, diejenigen wären, die wirklich Macht hätten, als ob dort dann wirklich etwas entschieden werden würde.

    Die „Riots“ und die darauf folgende Hysterisierung der Öffentlichkeit, sind, auch wenn das von einem Teil der Protagonisten sicherlich nicht gewollt ist, Teil des Spiels (sehr schön nachzuvollziehen in der nächtlichen Berichterstattung auf n-tv und N24, wo dann Live-Kommentar und Live-Bilder manchmal komplett auseinander liefen, weil der Reporter vor Ort sich auf Teufel komm raus an sein Script halten musste; das hatte bisweilen surreale Qualität). Man hat, aus Sicht der Herrschenden, das bekommen, was man wollte: Bilder zur Legitimierung der eigenen Macht und ihrer noch rücksichtsloseren Durchsetzung. Darum ging es letztendlich: auf der einen Seite „große Staatsmänner“, die verantwortungsvoll die Geschicke der Welt bestimmen, auf der anderen Seite der „linke Mob“, der „Chaos“ verbreitet und vor dem das „gemeine Volk“ geschützt werden muss. Notfalls von einer para-militärisch agierenden Polizei. In einem so gesetztem Drehbuch, kann eine Linke nur verlieren, wenn sie nicht reflektiert, dass sie bei derartigen Veranstaltungen schon längst eingeplanter Teil der Inszenierung ist, denn „In den Straßen legt der Staat uns in Feuer und Flamme“.

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