Audio der Lesung in Dortmund

https://archive.org/details/DabeiGeblieben

Diese Version des Textes lese ich nicht mehr, insofern könnt Ihr das Audio anhören und trotzdem zur Lesung kommen…!

Lesungen im Norden Ende September/Anfang Oktober

zwischen dem 29.9. und dem 8.10. hätte ich noch Termine frei! Alle bisherigen Termine (noch nicht fest, aber bald) sind im Westen und Norden.

Passt da was bei Euch? Kontaktiert mich über das Formular…

Ein Schelm, wer an linke Debatten denkt…

»Verwundbar ist jeder Mensch, besonders an den Stellen, an denen er irgendeinmal (sic) verletzt worden ist. So kommt es nur darauf an was einer daraus macht. Die Wehleidigen leiten daraus den Anspruch auf besondere Schonung ab – und das bedeutet für sie häufig das Vorrecht, jeden anzugreifen: in einer vorweggenommenen Notwehr, sagen sie. Die Welt wird immer von den Wehrufen jener betäubt, die sich anschicken, anderen zu verletzen, ihnen ihr Gesetz des Handelns aufzuzwingen, um die Erfüllung des eigenen Überanspruchs zu erzwingen. Dieses Vorgehen kennzeichnet den offenbaren oder geheimen Lebensstil vieler Neurotiker.« S.37

»Der Neurotiker, der alle seine Taten, sein Versagen und sein Leiden psychologisch auf die Vergangenheit und diese wiederum auf die Vergangenheit anderer, der Eltern vor allem, zurückführte, hoffte, solcherart eine schrankenlose Freiheit zu erringen. In der Tat vernebelte er jedoch damit seine Gegenwart. War er sich selbst ein Produkt – wie sollte er wahlfrei seine Zukunft produzieren? Die Freiheit von ist notwendig, total wäre sie jedoch nur einem Toten erreichbar, wenn ihm überhaupt etwas erreichbar wäre. Die Freiheit zu hat nur Wert, wenn sie von dem errungen wird, der die Verantwortung für sein Werden und sein Tun auf sich nimmt, statt sie bei den Eltern, den Vorfahren zu suchen und stets mühelos da zu finden; er würde sie in den Gräbern Adams und Evas aufstöbern, hätte er Zugang zu ihnen.« S.153 (Und man möchte hinzufügen: gleiches gilt für das nimmermüde Suchen im Außen der „Gesellschaft“, der man sicherlich einiges anlasten kann – bei der eigenen Verantwortung für’s eigene Leben bleibt es dennoch.)

Manes Sperber, jüdischer Kommunist und  Schüler Alfred Adlers, sowie Pionier der Individualpsychologie,
in: Die vergebliche Warnung. All das Vergangene… DTV München 1983

In Bremen regt sich was…

Kürzlich erreichte mich eine Anfrage zu einer weiteren Lesung in Bremen. Nichts Ungewöhnliches erst einmal, habe ich doch schon zwei Mal in Hamburg und Köln, und in Berlin drei Mal gelesen. Warum also nicht auch in Bremen.

Der Hintergrund der Bremer Anfrage ist jedoch spannend. Zum ersten Mal sind es Leute, die die Szene verlassen, ihren Aktivismus eingestellt haben – sozusagen »Aussteiger_innen«, die mich einladen wollen. Das Buch hat wohl einiges an Gedanken angestoßen und der Wunsch nach Reflexion der eigenen aktivistischen Vergangenheit wurde angeregt. Es tut sich was. Leute, die seit »damals« nichts mehr miteinander zutun hatten, zum Teil im Streit auseinandergegangen sind, setzen sich zusammen, um über das Buch und ihre Geschichte zu reden. Ich finde das sehr aufregend. Sollte es zu einer Lesung kommen, ergibt sich so zum ersten Mal die Gelegenheit, mit und nicht nur über »Aussteiger_innen« zu reden, und all die Mutmaßungen darüber, warum manche aufhören, mit reell Gelebtem zu konfrontieren. Auch: sich mit Widersprüchen im eigenen Aktivismus auseinanderzusetzen – welche Sehnsucht mancher alternder Aktivist_innen haben sich denn die Aussteiger_innen erlaubt zu erfüllen? Und andersherum: welche Wünsche und Hoffnungen haben die Ausgestiegenen aufgegeben, transformiert, verdrängt? Und vieles mehr…

Ich bin gespannt, was das geben wird, und freue mich auf eine lebendige Diskussion in Bremen im Herbst: hoffentlich!

Stay tuned for further information.

Nach 20 Lesungen – ein Zwischenfazit

Bald ist es ein Jahr her, dass das Buch erschienen ist, und ich habe seit gestern die zwanzigste Lesung hinter mir. Und, ich muss sagen, mit gemischten Gefühlen. Einerseits freue ich mich nach wie vor über das rege Interesse an meinem Buch und bin dankbar für die Mühen, die die Veranstalter_innen auf sich nehmen, um mich einzuladen. Gleichzeitig beobachte ich jedoch ein merkwürdiges Phänomen, das mich ratlos zurücklässt.

Die Lesungen sind immer gut besucht, oft platzt der Raum aus allen Nähten, das Buch verkauft sich gut, Zeitungen und Radiosender interessieren sich dafür und das Thema bewegt die Leute – sogar solche, die selber nie linke Aktivist_innen waren oder nicht einmal etwas mit der Linken zu tun haben. Es hat also einen Nerv getroffen und spricht ein wichtiges Thema an – das kann ich, denke ich, konstatieren.

Doch dann sitze ich oft vor einem Publikum, das mich mit großen Augen ansieht und: nichts sagt. Nichts fragt. Schweigt.

Nun könnte man sagen, wenn es um die siebzehnte Ableitung der Werttheorie des Geldes bei Marx in der Interpretation von Sohn-Rethel geht: ok, ist ein Expert_innenthema, schwierig, da können viele auch nichts dazu sagen. Es geht aber um das Leben der Leute. Um ihre ureigensten Fragen: warum bleibe ich dabei? Wie geht es für mich weiter? Was frustriert mich, was motiviert micht? Welche Bedürfnisse habe ich, wie hat sich mein Verhältnis zum Widerstand über die Jahre verändert? Wie haben es die anderen gemacht? Was habe ich für ein Verhältnis zu Älteren/Jüngeren in meinem politischen Umfeld? Etc. Fragestellungen, zu denen wirklich jede_r einzelne etwas beizutragen hat. Oft jedoch: Stille. Dann: zögerliche Fragen, Allgemeinplätze, oberflächliches Herantasten. Manchmal wahnsinnig zäh. Einmal haben wir sogar eine Pause gemacht, weil einfach wirklich niemand etwas sagen wollte. Auch nach der Pause nicht. Als schließlich zwei ältere Männer, offensichtlich Kader und gewohnt zu sprechen, in die Bresche sprangen und sich immerhin zwischen uns ein, wenn auch wenig tiefgehender, Trialog entsponn, kam die Klage, es würden ja immer die gleichen reden. Dominantes Redeverhalten. Da ist mir der Kragen geplatzt: die Redeliste war immer leer, dass die einen redeten, war dem Schweigen der anderen geschuldet. Es hätte ja sonst einfach niemand gesprochen.

Nun mag man einwenden: der Lesetext ist sehr dicht, das kann auch überrumpeln, vielleicht sind es einfach zu viele Gedanken, die im Kopf rumschwirren, so dass erst einmal Ordnung einkehren muss, bevor man was sagen kann. Ja, das mag sein. Dann liegt es an den Einladenden, die Diskussion in Gang zu bringen. Was aber ist von Veranstalter_innen zu halten, die manches Mal noch nicht einmal selber das Buch gelesen haben, die selbst keine Fragen und Anmerkungen haben, weder vorbereitet noch spontan?  Manchmal komme ich mir vor, wie eine gebuchte Entertainerin. Konsumieren einer Lesung und fertig. Wieder einen Abend gefüllt, einen Programmpunkt abgehakt. Bin ich ungerecht, wenn ich das unpolitisch nenne?
Dort, wo sich die Veranstalter_innen Gedanken machen, wo sie selber eine Frage haben, wo sie sich mit dem auseinandersetzen, was sie an diesem Thema bewegt, kurz: wo sie sich politisch und persönlich zum Buch und zum Thema des Buches ins Verhältnis setzen und darüber sprechen, dort ist es (meistens) anders. Die ein oder andere lebendige Diskussion habe ich durchaus erlebt.

Es geht mir nicht darum, meine persönliche Befindlichkeit breit zu treten, die Enttäuschung über zähe Diskussionen und manglenden Austausch. Ich halte dieses Phänomen für einen Ausdruck politischer Substanz- und Orientierungslosigkeit, der die Linke ergriffen hat. Möglicherweise wissen viele von sich selber gar nicht, warum sie eigentlich »dabei« sind, was sie wollen. Oder es gibt eine Angst, manchen Fragen auf den Grund zu gehen. Oder vor Anderen über die eigenen Motive zu sprechen. Sich auf etwas einzulassen, sich verunsichern zu lassen von einer sehr persönlichen Frage. Oder ist es Angst durch die um sich greifende Praxis der Redeverbote und Sprachpolizei, Angst etwas »Falsches« zu sagen?

Ich vermute, es sind oft die von einigen Interviewten beklagten Punkte: habe ich noch eine Frage an den Anderen? Habe ich noch eine Frage an mein Leben? Ist in mir Neugier auf etwas? Echtes Interesse, nicht bloß Konsum? Will ich noch was? Lass ich mich auch nochmal verunsichern, oder ist schon »alles klar«? Habe ich eine Haltung? Wie gehe ich mit Widersprüche um, wie lebe ich Konflikte?
Ich wäre ja mitunter einfach nur froh, wenn mir mal jemand widersprechen würde, weil das bedeutet, dass etwas dahintersteckt. Widerspruch und Kritik geht ja nur, wenn ich einen Standort habe, von dem aus ich eine Sache betrachte. Also einen eigenen Blickwinkel (entwickelt) habe. Dort, wo Widerspruch kommt, wird die Diskussion meist sehr lebendig. Und ich kann nur allen Mut machen: bei mir gibt es keine Sprechverbote und keine falschen Aussagen. Wenn es konflikthaft wird, dann schauen wir uns das eben gemeinsam genauer an. Mich interessiert, warum die Leute da sind, und was sie von der Veranstaltung wollen.

Ich bin wirklich irritiert. Als ich selbst im Rahmen meines Engagements im Naturfreundehaus Kalk zahlreiche Vorträge und Lesungen organisiert habe, wussten wir immer, warum wir jemanden einladen, was unser Interesse, unsere Frage, unsere Haltung ist. Wir wollten darüber eine Auseinandersetzung, darauf haben wir uns gefreut!
Das eine ist dann die Veranstaltung. Manchmal ist das Publikum gut dabei, manchmal nicht, aber man hat ja glücklicherweise das beste am Schluss: mit den Referent_innen, der Gruppe und ein paar Buddies nach der Veranstaltung noch in die Kneipe. Die besten Diskussionen mit den interessantesten Leuten, manchmal bis spät in die Nacht. Niemals wollte ich das missen. Schade war es immer, wenn die Referent_innen keine Zeit dafür hatten. Manches Mal sind andere extra nachgekommen. Oder ich bin nach der Arbeit noch hin, wenn andere was organisiert hatten und ich den offiziellen Teil nicht besuchen konnte.
Ich dachte, das machen alle so. Ich erlebe es aber sehr selten. Das soll keine Klage sein, auch wenn es natürlich irgendwie schade ist. Es geht mir auch nicht darum, dass sich nun Leute verpflichtet fühlen, mit mir trinken zu gehen. Das wäre ganz schräg. Interesse kann nur authentisch sein oder es ist nicht. Es geht mir nicht um die Form, sondern um die Frage, was sich darin ausdrückt. Ich will das phänomenologisch festhalten und fragen: was ist da los? Wirke ich so unkommunikativ oder fehlt es an Substanz im Verhältnis zur Fragestellung? Mangelt es an Neugier oder überfordere ich die Leute?

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was da los ist. Vielleicht habt ihr ja eine Idee?

Die nächsten zwei Lesungen: Offenburg und Freiburg

mit schönem Plakat:

https://linksunten.indymedia.org/image/178910.jpg

Rezension im »Neuen Deutschland«

Peter Nowak hat »Dabei Geblieben« für das »Neue Deutschland« rezensiert. Finden könnt ihr das hier oder hier.

 

Heute in der TAZ

Interview mit mir zu den heute und morgen stattfindenden Lesungen in Berlin (siehe Termine)

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Aus dem Berlinteil.

Blutstillendes Verbandszeug für Rojava

Unterstützt diese fantastische Kampagne französischer Genoss_innen:

https://www.leetchi.com/c/ne-laissons-pas-le-rojava-se-vider-de-son-sang

Viele Kämpfer_innen in Rojava verbluten, während sie auf ihre Erstversorgung warten, weil sie kein spezielles blutstillendes Verbandszeug haben. Ein solches Pflaster kostet 40€. Die Genoss_innen sammeln Geld, um 250 solcher Verbandspflaster nach Rojava zu schicken.

SPENDET!!!

Wer keine Kreditkarte hat:

Caisse d’aide aux prisonniers
C.E. NORD FRANCE EUROPE (00600)
BIC : CEPAFRPP627
IBAN : FR76 1627 5006 0008 0010 4055 205
Verwendungszweck: Pansement pour Rojava

https://res.cloudinary.com/leetchi/image/upload/c_fill,f_auto,g_center,h_520,q_80,w_715/v1454097581/de23b704-f8ba-40fc-bae3-1eb05436cc83.png

Ist Widerstand möglich?

Als Nacklapp auf die Lesung in Hannover erreichte mich eine Nachricht, in der sich die Autorin fragt, warum so wenig Leute sich für die Veränderung der Gesellschaft einsetzen wollen:

» Immer wieder lag die Frage im Raum, wieso die Jungen sich nicht auch zum Aktivismus motivieren lassen, bzw. wieso eine Veränderung der Verhältnisse ausbleibt. Und immer wieder ging mir folgender Zeitungsartikel durch den Kopf, dessen Inhalt ich an dem Abend jedoch nicht so präsent hatte, dass ich mich zu Wort melden und davon hätte berichten können. Darum also als Nachreiche auf diesem weg! http://www.sueddeutsche.de/politik/neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist-1.2110256 «

Der Philosoph Byung-Chul Han vertritt in dem verlinkten Artikel die These, dass der neoliberale Kapitalismus so total ist, dass er jeglichen Widerstand verschlingt. Die Macht würde unsichtbar, so dass unklar ist, gegen wen oder was man überhaupt Widerstand leisten solle, daher richteten die Leute ihre Wut gegen sich selbst: Burnout, Depression, Suizid. Gleichzeitig würden durch Entwicklungen wie »Sharing Economy«, wie sie Thomas Piketty in der »Null Grenzkosten Gesellschaft« beschreibt, zu einem Ausverkauf des Kommunismus. Ein jegliches »Anderes« wird also unvorstellbar und unerreichbar.

Ich habe bereits an anderer Stelle beschrieben, dass dies Tendenzen sind, mit denen sich viele Denker_innen befassen: es geht um den Verlust der Zukunft. In seinem Aufsatz »Despair fatigue« entgegnet David Graeber, dass sich diese Tendenz zur Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung bei den jungen Leuten in Großbritannien möglicherweise gerade umkehrt. Und in »Bürokratie« erinnert er daran, dass die Macht so unsichtbar nicht ist: in dem  Moment, wo man eine Regel überschreitet, kommt der Mann mit dem Knüppel – die Androhung physischer Gewalt ist also sehr präsent, man spürt sie nur solange nicht, wie man sich konform verhält. Und Leute wie Hans-Christian Dany haben sich in den letzten Jahren Gedanken darüber gemacht, wie Widerstand unter den gegenwärtigen Bedinungen aussehen kann bzw. wo überhaupt Zukunft oder Perspektive herkommen könnten.

Insofern möchte ich Byung-Chul Han entgegnen: Die These ist nicht neu, und andere haben sie schon weiter gedacht. Antonio Negir, gegen den er argumentiert, ist selbst nicht gerade der aktuellste Theoretiker. Also: bitte den eigenen Standpunkt updaten.


Terminkalender

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Das Buch im Internet verlängern

Dieser Blog ist ein Versuch, weitere Gedanken zum Buch »Dabei Geblieben – Aktivist_innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen« zu ergänzen. Neben Kommentaren und Texten zu anderen Themen werde ich hier unter dem Stichwort »Dabei Geblieben« das Thema fortführen. Über die Kommentarfunktion könnt ihr selbst Ideen, Kommentare, Fragestellungen beitragen.