Alte und neue Wege durch den Knast: Solidarität gegen Repression

Ich weise auf diese Verantstaltung hin. Ich bin nicht dort und habe auch nichts damit zu tun, aber ich mache gerne Werbung!

Kleine Kritik: es geht mal wieder um *politische* Gefangene und nicht um das System Gefängnis und somit auch nicht um die Infragestellung von Strafe. Diese Verkürzung muss dringend überwunden werden.

Veranstaltung nächsten Mittwoch, 10. Juli 2019 um 19.30 Uhr auf dem Bauwagenplatz ‚Wem gehört die Welt‘, Krefelder Strasse 0/107, Köln

Die Veranstaltung hat das Ziel, das Thema Knast, Repression und Solidarität wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Viele politisch Aktive wurden in den letzten Jahren zu Haftstrafen von ein, zwei oder drei Jahren verurteilt und oft wurde das nur am Rande wahrgenommen.

Zugleich wurde es in den letzten Jahren auch bei Prozessen gegen Linke üblicher, sich nach dem Motto ‚Strafmilderung gegen Einlassung‘ auf Deals mit dem Gericht einzulassen.

Die Bedeutung von Solidarität mit Gefangenen und von Repression Betroffenen und was es mit solchen Deals auf sich hat, werden Themen der Veranstaltung sein.

Eingeladen sind ehemalige politische Gefangene, die viele Jahre im Knast waren, und Anarchist*innen aktueller Kämpfe im Hambacher Forst, die über ihren jeweiligen – vielleicht gar nicht so unterschiedlichen – persönlichen und politischen Umgang mit Repression und Knast diskutieren werden.

Veranstaltet von Rote Hilfe Köln, ABC-Rhineland und Solidarity1803

Versuch über »Heimat«

Links sei da, wo keine Heimat ist. Diesen pseudoradikalen Spruch habe ich auch lange nachgeplappert. Dabei empfand ich eigentlich immer etwas anderes. Da es nach wie vor als schlaue Strategie »gegen rechts« gilt, auf dem Heimatbegriff herumzuhacken, allen voran Thomas Ebermann in »Linke Heimatliebe«, hier ein Versuch, ihn ideologisch zu entkoppeln. Es geht mir darum, zu zeigen, dass er nichts Böses an sich haben muss, dass es vielmehr ein sinnloses Unterfangen ist, Menschen dazu zwingen zu wollen, sich von einem emotionalen Teil ihrerselbst abzuschneiden, als sei das für die Emanzipation notwendig. Menschen Sentimentalität vorzuwerfen und sich zu wünschen, sie würden auf Grund rationaler Einsicht anders fühlen als sie tun, geht jedenfalls völlig am menschlichen Wesen vorbei und eignet sich eher für die Errichtung von Erziehungsdiktaturen als von freien Gesellschaften. Ich würde im Gegenteil vielleicht sogar soweit gehen, zu sagen, dass das Gefühl des Beheimatet-Seins als Teil von Ich-stärke eine Grundlage für Kosmopolitismus ist.

Ich habe Geographie studiert, eine Wissenschaft die sich mit der Beziehung von Menschen zu Orten befasst. Das Wort »Heimat« bezeichnet eine solche Beziehung. Alena Dausacker, die eine Masterarbeit zum Thema Heimat geschreiben hat, hat diese Mensch-Raum-Beziehung auf den Punkt gebracht. Ich zitiere aus ihrem Twitter-Thread, in dem sie die Gründung des »Heimatministeriums« kritisiert:

„Heimat ist subjektives Geborgenheitsempfinden, das mit einem konkreten, erfahrbaren Raum gekoppelt ist. Einem Dorf, einem Strassenzug, einer Landschaft.“

Und genau deshalb ist »Heimat« etwas anderes als »Patriotismus« oder Nationalstolz:

„Keiner nimmt den fucking Nationalstaat als Raum wahr. Das *können* wir gar nicht.“ Und: „Heimat ist subjektiv und bedeutet für jeden was anderes, wenn es auch bei Leuten aus derselben Region voraussichtlich signifikante Überschneidungen gibt. Heimat ist vor allem an Kindheitserinnerungen gekoppelt.“

Das ist der Grund, warum es sich hauptsächlich um einen Sehnsuchtsbegriff handelt: die Geborgenheit, die Sicherheit, die Sorglosigkeit sind mit dem Erwachsenwerden für immer verloren. Diesen Verlust kann man in einer besseren Welt zwar abfedern – durch soziale Sicherungssysteme und eine angstärmere Lebensgestaltung etwa – verhindern kann man ihn nicht. Erwachsenwerden bedeutet per definition Abschied von der Kindheit und man kann eben niemals dahin zurück, auch im Kommunismus nicht. »Meine Heimat ist die Sehnsucht«, soll der griechich-stämmige New-Yorker Dirigent Dimitri Mitropoulos einmal gesagt haben, wissend, dass der Ort, an den er zurück wollen würde, längst nicht mehr existiert: nicht nur, weil sich der Ort verändert hat, sondern auch, weil er selbst sich verändert hat. Er kommt nicht als der gleiche zurück, als der er weggegangen ist. Heimat ist also vor allem die Vorstellung von etwas.

Der Auskennen und Verstehen–Aspekt der Heimat.

Sich an einem Ort wirklich gut auskennen, seine kleinsten Ecken kennen und seine Veränderungen mitverfolgen und nachvollziehen, ist ein Faktor für das heimatliche Geborgenheitsgefühl. Ein anderer ist das Verstehen und Verstandenwerden. Die Sprache in ihren Nuancen und lokalen Spezialausdrücken durchdringen, sich ohne Anstrengung direkt verständlich machen – auch das fühlt sich nach »Zuhause« an. Diese beiden letztgenannten Aspekte sind die »mobilen« Aspekte von Heimat: Dort wo ich mich gut auskenne und mich verstanden fühle/mich verständlich machen kann, muss ich nicht herkommen, um mich beheimatet zu fühlen. Das kann ich mir aneignen. UND: das muss noch nicht einmal ein geographischer Ort sein. Es gibt auch »soziale« Heimaten – auch Thomas Ebermann dürfte »die Linke« als Heimat empfinden. Und so wie man im Dorf oder Stadtteil, wo man aufgewachsen ist, nicht alle mochte und mag und nicht mit allem einverstanden war und ist, so ist das auch mit einem sozialen Ort wie »der Linken«. Heimat ist nie homogen und widerspruchsfrei.

Zu so einem identitären, widerspruchstötenden Begriff wird Heimat erst, wenn man ihn über den erfahrbaren Raum hinaus ideologisch aufbläst. Alena Dausacker:

„Es gibt im Nationalstaat weder einen gemeinsamen Raum noch gemeinsame Erfahrungen, die heimatstiftend wirken. (…) Heimat ist eng mit Identität verknüpft und beides kann der Staat nur durch Narrative herstellen. Worauf das zwangsläufig hinausläuft, ist eine aufgezwungene Homogenisierung kultureller Erfahrungen(…)“

Man denke an die »identitätstiftenden Maßnahmen« zur Einigung Deutschlands im 19. Jahrhundert. Oder an das Seehofer’sche Heimatministerium.

Es mag Leute geben, die kennen eine solche Beziehung zu einem Raum nicht. Denen »läuft nicht das Pipi in die Augen« beim Anblick heimatlicher Landschaft (so beschrieb Hella von Sinnen einmal ihre Gefühlsreaktion, wenn sie von einer Reise zurück nach Köln kommt und mit dem Zug über die Hohenzollernbrücke fahrend den Kölner Dom erblickt). Das macht ja nichts. Vielleicht haben sie nie lange genug an einem Ort gewohnt, um sich in ihm geborgen zu fühlen, oder sie haben zu viele negative Erinnerungen an diesen Ort, als dass sie Sehnsucht nach ihm haben könnten. Vielleicht fühlen sie sich in sich selbst oder auf andere Art »Zu Hause«.

Ich kenne solche Gefühle durchaus. Bleiben wir beim Kölner Dom, es gibt wahrscheinlich viele Kölner*innen, die Hella von Sinnens Gefühl teilen. Ich selber habe 13 Jahre in Köln gewohnt, aber »Pipi in den Augen« habe ich keins, wenn ich zurückkehre. Ich kenne Köln gut, aber ich kenne es nicht in seiner Tiefe, es fehlt etwas. Und zwar: die gemeinsame Entwicklung mit dem Ort. Mir fehlen die an ihm pappenden Erinnerungen aus einer anderen Zeit (aus der Kindheit). Zwar habe ich lang genug hier gelebt, um manche Orte mit starken Erinnerungen und Gefühlen zu verknüpfen, und es gibt auch ein Gefühl der Vertrautheit, aber für »Heimat« reicht es nicht. Ich stehe beispielsweise noch heute ab und an fassungslos vor der Verwüstung, die die Stadt Köln auf dem Gelände des ehemaligen AZs in Kalk angerichtet hat: Rasen und Container wo einst so viel Leben war – und ich werde melancholisch und wütend. Es ist ein Verlust. Was dort war, war auch ein Stück Zuhause. Aber Heimat?

Landschaften und Orte können eine enorme emotionale Reaktion in Menschen hervorrufen. In »Karte der Wildnis« beschreibt Robert McFarlane, wie manche Menschen Kriege und Gefangenschaft überlebten, indem sie sich gedanklich an ihre liebsten Orte – einen Berg, einen See, Wald oder Wanderweg – versetzten. Das muss nicht unbedingt die Heimat gewesen sein, aber es ist klar, dass es um kleine (Natur-)Räume und eigene Erfahrungen geht, nicht um Staaten (die ja ästhetisch nur abstrakt erfahrbar) oder Länder (die auf Grund ihrer Größe kein erfahrbarer Naturraum sind) und schon gar nicht um deren widerspruchsbefreite Totalität, als bedeute Heimat, dass man auch mit der Politik der Regierung einverstanden ist. Im Gegenteil: ich kenne viele linke Bayer*innen, die sich in ihrer Landschaft sauwohl und mit ihr und ihrer Geschichte verbunden fühlen, aber im Dauerklinch mit der herrschenden Politik und mit manchen der anderen Einwohner*innen liegen.

Ich bin selbst so eine. Mich faszinieren alle möglichen Landschaften und ich kann vor der Schönheit der Natur in die Knie gehen (und über ihre laufende Vernichtung durch die Menschheit verzweifeln), aber nirgends breitet sich in mir diese sorglose Ruhe aus wie am Ufer des Starnberger Sees, den ich mit all seinen Stimmungen kenne wie keinen, in dem ich bei jeder Wetterlage gebadet habe, dessen Geschichte und Geschichten mir vertraut sind, in dem ich schwimmen gelernt habe und dem ich als Jugendliche meine Sorgen anvertraute. All das ist präsent, wenn ich ihn heute besuche. Das gute und das schreckliche. Genau deswegen ist er Heimat – das kann der Rhein oder das Mittelmeer niemals sein, hier war ich nicht glückliches Kind und nicht deprimierte Jugendliche. Und es gesellen sich andere Erinnerungen dazu: der Geschmack von frischen Radieschen und Schnittlauch auf Butterbrot. Der Geruch der trocknenden Seekiesel und des alten Mannes, der uns in seiner Kiosk-Hütte Ed von Schleck Eis verkaufte. Der Gesang von Amseln und das Zilpen von Schwalben, die über dem Wasser Mücken fangen. Läutende Kirchenglocken. Menschen die sich »Servus« begrüßen und der Geschmack von Augustiner-Bier. Das Platschern der Wellen. Der Blick auf die Zugspitze – oder nicht, je nach Wetterlage. Natürlich gibt es all die Elemente anderswo auch, aber es gibt sie nicht so. Ihre Kombination ist immer einzigartig. Schon der Ammersee ist nur noch halb Heimat. Und der Chiemsee ist schön, aber Heimat ist er eigentlich nicht mehr, denn ich kann mich zwar verständigen und ich kenne die kulturellen Codes, aber er ist mir nicht vertraut.

Wurzeln und Flügel

Es gibt dieses ausgelutschte Sprichwort, nachdem Eltern ihren Kindern Wurzel und Flügel mitgeben sollen. Dahinter steckt die Idee, dass ein psychisch starker Mensch, der sich seiner Herkunft und seiner Geschichte bewusst ist – der also Wurzeln bekommen hat, zu denen er stehen kann – offener ist für Veränderung, leichter damit umgehen kann, sich nicht so schnell bedroht fühlt. Das sind psychologische Basisweisheiten. Und doch werden sie im politischen Handgemenge gerne übersehen. Und so wird dann im Kampf gegen »rechts« der Heimatbegriff über Bord geworfen, anstatt ihn zu differenziert zu denken. Wieso diese Denkfaulheit? Das ist zwar ganz nett, wenn man unter sich bleiben und sich dabei für möglichst radikal halten will, es führt aber nicht weiter und argumentiert am Erleben der Menschen vorbei. Bairische Linke sehen seit Jahrzehnten mit einer gewissen Stoizität über diese (nord-)deutschen Anti-Heimat-Allüren hinweg. Nirgends habe ich Anarchie und Heimatverbundenheit so schön im Einklang gesehen. Antinazi-demos mit Dirndl. Das ist Drag! Da lässt sich was zurückerorbern und umdeuten. Hier wird schon lange von links um die Deutungshoheit gekämpft: die Kritik von Achternbusch, dass, wo früher Bayern war, heute »die Welt« sei, ist gerade NICHT als ein Beharren auf lokalem Hinterwäldlertum zu verstehen, sondern als eine frühe Kritik an der gleichmachenden kapitalistischen Kultur, die alle Eigenheiten verwurstet und einen Einheitsbrei ausspuckt, um »aus Fremden Konkurrenten machen« zu können (Marianne Gronemeyer), die sich so besser ausbeuten lassen.

Es macht also Sinn, einen individuellen und auf konkreten Erfahrungen bezogenen Heimatbegriff stark zu machen, weil man so einen ideologischen Heimatbegriff aushebeln kann, der nur der Aufrechterhaltung der Herrschaft dient. Mit der Verteufelung des Heimatbegriffes gewinnt man aber keinen Blumentopf und schon gar nicht die Herzen der Menschen. Dort, wo ich eine oder auch mehrere Heimaten haben darf und kann, teile ich sie gerne mit anderen, kann ich sie gelassen kritisieren und sie in ihrer Widersprüchlichkeit anerkennen. Da, wo man sie mir wegnehmen will oder abspricht, werde ich sie gegen diese Angriffe verteidigen und zunächst für mich behalten wollen. Womit sich dann linke Heimatkritiker*innen darin bestätigt fühlen, dass Heimatverbundenheit zu Fremdenhass und Kleingeistigkeit führt und man sie umso mehr bekämpfen muss, was auf der anderen Seite zu umso verstärkten Verteidigungsaktivitäten und Verlustängsten führt. Was für ein Theater!

Um mit Alena Dausacker zu enden:

»Habt eure Heimaten, wo ihr wollt. Wechselt sie, spielt mit ihnen, fasst sie so groß oder  klein, wie ihr wollt. Aber seid Euch dessen bewusst, dass Heimaten euch allein gehören, denn jed*r hat eine eigene.« (oder mehrere)

Woher kommt wohl all der Hass. Kommentar zu Wahl.

In den Reaktionen auf die Europa- und Kommunalwahlen mischen sich Ratlosigkeit, Entsetzen und Hysterie über einen (vermeintlichen) Wahlerfolg rechtsextremer Parteien mit Hohn, Spott und Verachtung für die Dummköpfe und bösen Menschen, die solche Parteien wählen. Und dann immer wieder diese Frage: Woher kommt all der Hass?

Echt jetzt Leute? Woher kommt wohl all der Hass? Strengen wir mal unsere grauen Zellen an. Lesen wir ein bisschen zeitgenössiche Literatur oder ein paar Klassiker des Marxismus. Was die französische Situation angeht, so hat Didier Eribon in «Rückkehr nach Reims« alles notwendige dazu gesagt. Auch Eduard Louis‘ »Wer hat meinen Vater umgebracht?« zeichnet ein realistisches und vielsagendes Bild der Misere. Jahrzehnte einer Politik der Verachtung gegenüber den Armen, Ausgegrenzten, Abgehängten. Jahrzehnte der Kürzungen im Sozialbereich, Jahrzehnte, in denen die Löhne nicht stiegen während der Reichtum der Reichen ins Unermessliche wuchs und angeblich linke Regierungen dem nichts entgegensetzten oder es sogar noch befeuerten. Und Jahrzehnte, in denen die radikale Linke immer weniger dazu zu sagen hatte. In der sie mit ihren alten Antworten keinen Blumentopf mehr gewann, sich auf Metropolenpolitik, interne Grabenkämpfe und Diskurse über Sprachreinheit erging. Jahrzehnte auch der Verblödung. Unterdrückung macht ja nicht automatisch schlau. Die Konsumkultur vernebelt die Hirne. Schon Marx schriebe über die »Klasse an sich« und die »Klasse für sich«. Ja genau, Arbeiter*innen können sich horndoof verhalten, ihre objektiven Interessen nicht erkennen und Faschisten wählen. Alles nix Neues. Die Stärke der Rechten war schon immer die Schwäche der Linken.

Über die Situation in Großbritannien kann man ganz ähnliches sagen. Die Dynamik, die dabei eine Rolle spielt, hat Laurie Penny ziemlich schön in Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. beschrieben: Männer, zumal weisse, denen kulturell vermittelt wird, dass sie zu den Siegern, zu den Privilegierten gehören, stellen fest, dass das nicht mehr so ist. Dass ihnen die Felle davon schwimmen, dass die Welt ihnen nicht gehört – sondern nur ihren reichen Brüdern. Dass das eine enorme Kränkung ist, hat Penny verstanden und sehr exakt analysiert. Es ist diese Kränkung der gesellschaftlichen Deklassierung, die sie rechts wählen lässt, weil sie sich von diesen Parteien die Re-etablierung eines Status erhoffen, von dem sie denken/fühlen, dass er ihnen zusteht. Und das ist ja auch das Programm der Rechten – bis zu einem bestimmten Punkt, denn tatsächlich kümmern sich auch diese mehr um reiche weisse Männer als um arme.

Und Deutschland? Hier geht es vor Allem um den Osten (und andere strukturschwache Gebiete). Das besondere an der ostdeutschen Situation ist, dass die oben beschrieben Kränkung auf Grund der Kolonisierung der ehemaligen DDR durch die BRD hier noch viel stärker zutrifft. Die wütenden weißen Männer des Ostens wurden kolonisiert, und zwar von ihresgleichen aus dem Westen, während ihnen gleichzeitig versprochen wurde, ab jetzt würde alles ganz toll. Doch ihre Erfahrungen, ihre kulturellen Gewohnheiten, ihre Lebenszusammenhänge wurden abgewertet und zerstört. Und diese weissen Männer waren es, anders als Frauen, PoCs oder Jüd*innen, nicht gewohnt, so abgewertet zu werden. Für sie ist diese Situation neu und es gibt auch keine Sprache dafür, kein Sprechen darüber. Schlimmer noch, da im bundesdeutschen Diskurs die Enteignung des Ostens durch den Westen nicht als solche und somit als Unrecht anerkannt wird, und fortwährend über eine Priveligierung weißer Männer im Allgemeinen gesprochen wird ohne auf diese inner-weiß-männlich-deutsche Geschichte einzugehen, bricht sich diese Ohnmachts-erfahrung Bahn in Hass. Eine labile Identität fühlt sich von allem bedroht. Im Rahmen des Migrationssommers wurde über die Stabilität der bairischen Identität gesprochen, die die Hilfsbereitschaft und Gelassenheit der Baiern im Umgang mit der Migrationsbewegung miterklärte (und man sollte die Äußerungen bairischer CSU-Politiker nicht mit der Stimmung unter den Leuten verwechseln! Die Stimmung war und ist tatsächlich weitgehend eine andere als die Politik, die sich selbst von der AfD treiben lässt, kolportiert).

HEIM@T

Baier*innen, egal wie verlacht vom Rest der Republik, sind gerne Baier*innen. Dass Bayern nicht so schlecht sein kann, wird ihnen auch von den Tausenden »preisischen Zu’zognen« bestätigt. Mit einem solchen Ego kann man in Sachsen und Brandenburg nicht aufwarten. Hier ist die Identität durch die Wiedervereinigungskolonisierung zerstört. Neben der wirtschaftlichen gibt es eine soziale Misere. Niemand zieht hierhin, weil es so schön ist, Italien so nah, die Seen so blau und die Biergärten so gemütlich. Vielmehr ziehen alle weg, die Städte sind leer, die Jugend hat keine Zukunft, die DDR ist diskreditiert, man darf nicht mal darüber sprechen, dass vielleicht nicht alles schlecht war am realexistierenden Sozialismus. Diese Leute sind gekränkt und gedemütigt worden, ihre Erfahrungen wurden ihnen abgesprochen und gleichzeitig wurden sie noch mit Hohn überzogen (allen voran: Titanic) für ihr angebliches Hinterwäldlertum. Mit ihnen hat kaum wer gesprochen, über sie wurde um so mehr gelacht. Gefragt wurde erst, als sie anfingen, eine laut brüllende hässliche Fratze zu zeigen. (Vor diesem Hintergrund halte ich es für eine weitere ausgesprochene linke Dummheit, den Begriff »Heimat« zu nazifizieren, wie es Ebermann und co machen. Man schießt sich damit selbst ins aus und wird unfähig, manche Dynamiken überhaupt zu begreifen vor lauter ideologischer Verblendung. Als bekennende Baierin kann ich sagen: Heimat kann was ganz tolles sein und lässt sich mit Linksradikalismus exzellent vereinbaren. Fragt mal bairische Genossinnen.)

Es ist noch kein Nazi vom Himmel gefallen.

Zurück zu unseren verächtlich so genannten Wutbürgern: diese Erfahrungen sind natürlich kein Grund, Nazi zu werden. Wenn man aber eingesteht, dass Kolonialismus und Klassismus keine Bildungseinrichtungen sind, sondern Unterdrückungsregime, weiß man auch, dass diskriminierte nicht automatisch klug sind. Im Prinzip könnten ostdeutsche, französische und britische (und andere) Männer (und Frauen) ja verstehen, dass der Feind nicht »Europa«, »Flüchtlinge« oder »Genderwahn« heißt, sondern Kapitalismus oder meinetwegen Billionäre, die Regierung oder Großkonzerne, die unser aller Lebensgrundlagen vernichten. Dass also Ossis und Geflüchtete gemeinsame Sache machen müssten, da es die gleichen Organisationen und Individuen sind, die in Sachsen, Bangladesh (oder Nordengland) Landstriche verwüsten und Leute in Lohnsklaverei unter beschissenen Bedingungen drücken – ob nun in einer von Einsturz bedrohten Näherei, im Amazonlager oder bei Uber. Dass sie also begreifen, dass der Angriff ein Klassenkrieg von oben ist, dem man von unten etwas entgegensetzen muss. Doch schon vor 150 Jahren haben die Verdammten der Erde ihr Los nicht unbedingt als geteiltes erkannt. Die Klasse muss sich erst selbst erkennen (wo war das noch bei Marx?). Hier kommt die Geschlechtlichkeit erschwerend hinzu, denn heterosexuelle weiße Cis-Männer stellen fest, dass ihr Platz nun nicht mehr automatisch über allen anderen ist, sondern neben und zwischen ihnen. Aua. Damit haben sie keine Erfahrung und drüber reden haben sie auch nicht gelernt. Es tut weh, aber der Zugang zur Trauer ist emotional und kulturell versperrt. (Welche Verheerungen es anrichtet, wenn man etwas nicht betrauern kann, weil es moralisch als verwerflich gilt, haben die Mitscherlichs in »Die Unfähigkeit zu trauern« über die Nachkriegsdeutschen beschrieben, die den Verlust ihres Führers nicht betrauern »durften«, was psychodynamisch gesellschaftlich eher nachteilig war.) Und so ergehen sich die deklassierten Männer in blinder Zerstörungswut, in der Hoffnung, sich so ihren angestammten Platz wiederholen zu können. Das das ein verlorener Posten sein könnte, ahnen sie, und umso schlimmer wird die Wut.

Diese toxische Männlichkeit findet man im Übrigen auch bei den Faschos anderer Couleur, wie den Islamisten oder den türkischen Erdogan-fans. Traditionelle Männlichkeit und Männer fühlen sich von allen Seiten bedroht und schlagen aus. Diese hysterischen Macht-Männer überall sind doch geradezu auffällig. Sie würden lieber die Welt in den Abgrund stürzen, als ihre Macht abgeben. Die großen wie die kleinen.

Was ich nicht begreife, ist, warum das nicht verhandelt wird. Warum wir darüber nicht diskutieren. Es ist so viel einfacher, z.B. Ossi-bashing zu betreiben und sich selbst in seinem Gutmenschentum zu bestätigen, indem man die anderen zu unbelehrbaren Rassisten erklärt, deren Hass unverständlich und unbegründet ist. Etwas zu verstehen, heißt ja nicht, es gut zu heißen oder zu rechtfertigen. Aber etwas zu verstehen ist die Voraussetzung dafür, dass man es verändern kann. 30 Jahre Ostbashing haben nix verbessert. Da könnte man doch glatt über eine Strategieänderung nachdenken, oder?

Die Abwehr dieser die Selbstgewissheit erschütternden Erkenntnis kommt oft in Form des Ausrufs, dass Zuhören ja wohl auch nichts bringt, als Beispiel wird dann die akzeptierende Jugendarbeit mit Nazis oder die nach rechts kippende Politik im Nahmen der »Sorgen der einfachen Leute« genannt. Stimmt. Das ist beides eine ganz fatal missverstandene Umsetzung des Konzeptes »Zuhören«. Nichts lässt den Hass im Herzen der Menschen so sehr nachlassen wie das Gefühl, gehört und gesehen zu werden. Das ist aber unbedingt und genau NICHT gleichbedeutend mit dem Akzeptieren von Meinungen auf der Positionsebene. Zuhören will gelernt sein, nicht umsonst wird diesem Aspekt in Mediationsausbildungen viel Zeit gewidmet. Aktiv zuhören, empathisch zuhören, das bedeutet, den eigenen Geist leer zu machen, sich ganz auf den anderen zu konzentrieren und ihm dabei zu helfen, zu ergründen, worum es ihm wirklich geht. Erst auf der dahinterliegenden Ebene (Mediation: Phase 3, Gefühl- und Bedürfnisebene, Voraussetzung für Phase 4, die Lösungsverhandlung) tritt das zu Tage, was dann Grundlage zur Erarbeitung von nachhaltigen und echten Lösungen ist. Das ist etwas völlig anderes und sogar das Gegenteil von der Behauptung des Zuhörens, wenn man angeblich umsetzt was aggressiv auftretende Demonstrant*innen vermeintlich wollen.

Ganz zum Schluss noch eine Sache zum Thema Wahl: seit wann sind 20% eine Mehrheit? Fällt irgendwem auf, dass seit geraumer Zeit kaum eine Wahl noch zu einer wirklichen Mehrheit einer Partei gegenüber einer anderen führt? Als die CSU noch 65% holte, konnte man von echter Mehrheit sprechen (auch wenn 65% der Wähler*innen bei einer Wahlbeteiligung von sagen wir 70% der Wahlberechtigten de facto eine Minderheit der Gesamt-bevölkerung sind). Doch wenn 20% jemanden wählen, dann haben immerhin 80% denjenigen NICHT gewählt und das ist doch eine recht deutliche Mehrheit! (Die Wahlbeteiligung mal bei Seite gelassen).

Ohne Hoffnung das Richtige tun. Beitrag in: Was wird aus der Hoffnung? (Psychosozial Verlag)

Ich durfte an einem im Juni erscheinenden Sammelband zur Hoffnung mitwirken.

Michaela Fink, Jonas Metzger, Anne Zulauf (Hg.)
Was wird aus der Hoffnung?
Interdisziplinäre Denkanstöße für neue Formen des Miteinanders
ca. 350 Seiten · Broschur · 39,90 € (D) · 41,10 € (A)
ISBN 978-3-8379-2932-4 · ISBN E-Book 978-3-8379-7630-4

In meinem Beitrag »Ohne Hoffnung das Richtige tun. Eine häretische Schrift« stelle ich der Hoffnung das Vertrauen gegenüber und schlage vor, die Hoffnung ad acta zu legen, da sie uns daran hindert, das richtige zu tun. Dabei beziehe ich mich auf Donna Harraway, Marianne Gronemeyer, Klaus Neubeck, François Julien, die chinesische Philosophie und die Naturweinbewegung.

Ich bin auch schon sehr gespannt auf die anderen Beiträge von Jörn Ahrens, Hans Bartosch, Daniela Dohr, Michaela Fink, Marianne Gronemeyer, Andreas Heller, Bernhard Heindl, Jürgen Hornschuh, Charlotte Jurk, Thile Kerkovius, Andreas Krebs, Philipp Kumria, Andreas Langenohl, Henning Melber, Jonas Metzger, Rosa Namises, Andrea Newerla, Burkhard Plemper, Sabine Richter, Matthias Rompel, Verena Rothe, Jürgen Schraten, Oliver Schultz, Franz Tutzer, Kirstin Vogler, Hans Friedrich Vogt, Cornelia Wilß, Anne Zulauf und mit einem Grußwort von David Gronemeyer.

Strafe, Gefängnis, Alternativen: Buchvorstellung in Freiburg

26. Juni 2019
19:30bis22:30

Im KTS, näheres folgt in Kürze. Save the date.

Noch mehr englischsprachige Literatur zu Restorative Circles und Verwandtem

Eine gute Liste von Büchern und Filmen zu Circle Processes in verschiedenen Kontexten, vor Allem aber Restorative und Healing Circles findet ihr hier:

http://www.livingjusticepress.org/index.asp?Type=B_BASIC&SEC=%7B14F1026E-8206-43BF-92BA-F15904243F17%7D

Wie gesagt, deutsche Literatur ist noch spärlich.

Buchvorstellung in HAMBURG

30. Mai 2019
20:00bis23:00

Veranstaltung: Strafe, Gefängnis, Alternativen.

Donnerstag, 30.05.2019, 20:00 Uhr, Rote Flora
im Rahmen des antifa:debug Abends (rauchfrei)
in Kooperation mit „Solidarisch Kämpfen!“ in „United We Stand!“

CONFERENCE: Restisting state-corporate harm in times of repression

Dieses wunderschöne Bild ziert die Einladung zur diesjährigen Konferenz der European Group for the Study of Deviance and Social Control , die unter dem Titel »Resisting state-corporate harm in times of repression – Towards a theory of insurrection« in Barcelona stattfindet.

Ich hab mich gerade angemeldet. Die »European Group« ist ein ziemlich aktives straf-abolitionistisches akademisches Netzwerk und ich bin sehr gespannt auf das Programm!

Was wäre wenn… es keine Gefängnisse mehr gäbe?

Das Onlinemagazin »Was wäre wenn« (WWW) widmet seine aktuelle Ausgabe dem Abolitionismus! Großartig.

Schaut mal rein: https://www-mag.de/debatten/beitrag/was-w%C3%A4re-wenn-es-keine-gef%C3%A4ngnisse-mehr-g%C3%A4be

 

Presenting: The Little Books of Justice and Peacebuilding

Literatur über Restorative Justice und verwandte Themen der Alternative zum Strafen findet man auf deutsch nur sehr wenig. Wer gut englisch lesen kann, dem*der seien die »Little Books« empfohlen. Es sind Einführungstexte zu den verschiedenen Ansätzen und halbwegs erschwinglich.

Unter den Titeln findet sich:

  • The Little Book of Conflict Transformation by John Paul Lederach
  • The Little Book of Restorative Justice by Howard Zehr
  • The Little Book of Strategic Peacebuilding by Lisa Schirch
  • The Little Book of Family Group Conferences by Alan MacRae and Howard Zehr
  • The Little Book of Circle Processes: A New/Old Approach to Peacemaking by Kay Pranis
  • The Little Book of Restorative Discipline for Schools: Teaching Responsibility; Creating Caring Climates by Lorraine Stutzman Amstutz and Judy H. Mullet
  • The Little Book of Restorative Justice for Colleges and Universities: Repairing Harm and Rebuilding Trust in Response to Student Misconduct by David R. Karp
  • The Little Book of Restorative Justice for People in Prison: Rebuilding the Web of Relationships by Barb Toews
  • The Little Book of Trauma Healing by Carolyn Yoder
  • The Little Book of Victim Offender Conferencing: Bringing Victims and Offenders Together in Dialogue by Lorraine Stutzman Amstutz

Die Bücher werden von der Eastern Mennonite University herausgegeben und haben daher manchmal einen christlichen Touch. Das soll einen nicht davon abhalten, den Wert und die Prakitkabilität der vorgestellten Verfahren anzuerkennen.

 


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