Archive for the ‘Fundstücke’ Category

Lest! David! Graeber!

Dienstag, März 22nd, 2016

In seinem neusten Buch „Bürokratie. Die Utopie der Regeln“ versucht David Graeber dem Phänomen der zunehmenden Bürokratisierung bei gleichzeitiger Behauptung des Gegenteils auf die Spur zu kommen. Weite Teile seiner Analyse überschneiden sich mit Erkenntnissen, wie sie Hans-Christian Dany oder auch das »Unsichtbare Komittee« formuliert und ich sie hier schon einmal vorgestellt habe.

Einer dieser Punkte ist die Verlangsamung des technischen Fortschritts bis zum rasenden Stillstand und der damit einhergehende Verlust der Zukunft. Er bürstet das mit Giovanni Arrighi und Marx quer und versucht es in einen Zusammenhang mit dem Zustand des kapitalistischen Weltsystems und dem Problem der tendenziell fallenden Profitrate zu bringen. Dazu zeigt er, wie der allgegenwärtige, sich überall ausbreitende Bürokratismus, der das System gegen Risiken absichern soll, jede Kreativität, jede Imagination im Keim erstickt. Das wirkt sich nicht nur auf die Forschung aus, die seit 50 Jahren nichts wirklich Neues mehr erfunden hat (während uns ständig angebliche technische und geistige „Revolutionen“ verkauft werden), sondern zersetzt auch unsere Fähigkeit, uns eine Perspektive jenseits des Bestehenden vorzustellen, an die wir auch wirklich glauben.

Das ganze ist leicht verständlich und humorvoll geschrieben, und für meinen Geschmack ist es längst an der Zeit, dass wir alle uns dem Zukunftsverlust und seinen Gründen stellen und ihn aufheben, damit hier endlich nochmal was Anderes passiert.

No border, no nation, no state…?

Dienstag, November 10th, 2015

Dieser Artikel nutzt die Krise des Grenzregimes durch die massenhafte, autonome Migration für einen visionären Entwurf (der auf Hannah Arendt und Giorgio Agamben zurückgeht), anstatt am Bestehenden herumzubasteln:

Statt am überkommenen Nationalstaatsmodell festzuhalten, fordern Arendt und Agamben, die Schlüsselkategorien des Politischen ausgehend von den Erfahrungen von Geflüchteten völlig neu zu denken. (…) Damit (ist) die Herausforderung verbunden, eine Form von Demokratie zu (er)finden, die nicht an das Territorialitätsprinzip gebunden ist. (…) Nicht die Geflüchteten müssen sich an die Staaten mit ihren Gewaltapparaten anpassen, sondern die Staaten sollten so umgestaltet werden, dass sie der universellen Aterritorialität der conditio humana gerecht werden.

Lesenswerter Text!

L.U.P.U.S.: Geschichte wird gemacht.

Sonntag, November 8th, 2015

Das Thema meines Buches ist keineswegs neu, die Fragen aber weiterhin unbeantwortet, wie man an diesem Text der »Autonomen L.U.P.U.S- Gruppe« sehen kann. In der Mitte irgendwo heißt es:

Nirgendwo ist der Alterungsprozeß krasser als in unserer militanten Szene. Traue keinem über 30. In der Tat: Es ist etwas dran an dem Generationskonflikt der Militanten. Viele von uns können an zwei Händen aufzählen, wer übriggeblieben ist. Die meisten von uns haben resigniert, aufgegeben und sich zurückgezogen. Uns geht es dabei nicht um diejenigen, für die ihre Jugendsünden nur der Einstieg in alternative Karrieren waren. Uns schmerzen diejenigen von uns, die wir selbst nicht mehr überzeugen konnten, weil auch wir ihre Kritik teilten, ohne jedoch unsere Hoffnungen und Utopien aufgegeben zu haben. Wir alle hatten es uns zu einfach gemacht und Resignation, Perspektivlosigkeit zum individuellen Problem gemacht. Oft hatten und haben wir den Eindruck, diese Gefühle deshalb nicht an uns herankommen zu lassen, weil wir sie selbst in uns verspürten. Und so wiederholt sich etwas in der autonomen Szene, was in anderen radikalen Bewegungen gleichfalls zum »ehernen Gesetz« wurde: Die Jungen wiederholen mehr oder weniger die Fehler der Alten, während sich die Alten Zug um Zug zurückziehen, weil sie in der Wiederholung der eigenen Fehler keine Perspektive entdecken können.

Ja. Die Frage des Übrigbleibens ist untrennbar von der Frage nach einer politischen/sozialen/kollektiven Perspektive. Und das ist umso schwerer in Zeiten, in denen die Zukunft gänzlich abhanden gekommen scheint.

Ein Herz für München

Samstag, November 7th, 2015

Bayern wird immer wieder und gerne missverstanden. Dabei ist vermutlich sowohl in Geschichte wie in Gegenwart keine Region in Deutschland so widersprüchlich und so polarisiert wie diese: Räterepublik und »Haupststadt der Bewegung«, CSU und Refugees welcome. Die meisten aber assoziieren mit Bayern eher Franz Josef Strauss als die vielen politischen und kulturellen Oppositionsbewegungen. Dann kommen solche Bilder wie vom Münchner Hauptbahnhof überraschend. Ausgerechnet im konservativen Bayern und gerade im verreichten München sollten die Leute spontan weltoffen und empathisch sein? Der »Spiegel« versucht es sich zu erklären:

»Die Magie des „Mia san mia“. Missverstanden von Nichtmünchnern als Überheblichkeit, drücke sich darin in Wahrheit ein natürliches Selbstbewusstsein aus, das dem Münchner helfe, das Fremde anzunehmen. Weil er weiß, es wird ihn nicht verbiegen. „,Mia san mia‘ ist nicht arrogant“, sagt Knobloch, „sondern das ist eine Freude am Ich.“«

Aber wer das Land besser kennt, weiß, dass Offenheit und Tradition, Fortschritt und Heimat hier schon lange zusammengehören und zu ganz erstaunlichen Ergebnisse führen könne, wie zum Beispiel hier: »Unterbiberger Hofmusik«.

Andere Namen wären La Brass Banda, Kofelgschroa und viele andere, wie der Film »Bavaria Vista Club« zeigt.