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Identity crisis: No Jacko no monster

Nun wird anlässlich neuer Missbrauchs-anschuldigungen gegenüber Michael Jackson wieder diskutiert, ob man denn die Kunst von solchen »Monstern« noch genießen kann.

Ein schönes Beispiel für den sich ständig wiederholenden Vorgang stigmatisierender und verurteilender Identitätszuweisungen bei »Delinquent*innen«. Ich habe es in »Strafe und Alternativen« geschrieben, und ich sage es hier noch einmal: Niemand ist nur Mörder, Diebin, Vergewaltiger, Betrügerin, wie niemand nur Skifahrer, Dichterin, Lehrer, Ingenieurin, Hundebesitzer oder Touristin ist. Wir haben alle viele Identitätsanteile, deren Gewichtung und Ausprägung sich überdies während unseres Lebens verändert. Niemand möchte auf einen dieser Teile reduziert werden. Und niemand kann auf einen dieser Teile reduziert werden. Monster gibt es nicht, nur monströses Verhalten.

Kann man also Michael Jacksons Musik verehren und gleichzeitig entsetzt sein über sein Verhalten? Man kann!

Die Menschheit wird so lange auf der Stelle treten, wie sie es nicht schafft, von diesen Identitätszuweisungen und dem ganzen damit verbundenen statischen Denken abzusehen und sich eine den Widersprüchen der Realität und ihren Dynamiken gerecht werdende Denkweise zuzulegen. Fangen wir an. Versuchen wir, die Genialität von MJs Musik anzuerkennen, die Songs zu lieben und gleichzeitig Schmerz über sein Verhalten und Mitgefühl für die Betroffenen zu empfinden.  Fangen wir an, statt Hysterie und plakativem Getöne etwas Komplexität in unsere Betrachtungen zu bringen.

Naturheilkunde. Der Denkfehler liegt (meist) bei denen, die sie beruteilen.

Zur Kontroverse über Homöopathie in der »TAZ«

Der Artikel »Das weiße Nichts« in der TAZ hat mal wieder zu einem heftigen Streit über die Wirksamkeit von Homöopathie geführt. Sie beruhe auf einem Denkfehler, heißt es. Ob der Denkfehler nicht eher bei jenen liegt, die hier etwas beurteilen? Da ich in letzter Zeit immer wieder mitbekomme, wie Linke sich für besonders schlau und fortschrittlich halten, wenn sie am besten gleich alle alternativmedizinischen Methoden für »Esoterik« erklären, hier ein Kommentar.

Zunächst mal: es geht mir wahnsinnig auf die Nerven, wenn Leute von Wirsamkeit oder Nicht-wirksamkeit schwadronieren, ohne dabei entweder im entsprechenden Fachgebiet versiert zu sein NOCH eigene Erfahrungen zu haben. Manche Sachen muss man am eigenen Leib erleben, um sie zu verstehen.

Das erste Problem bei der westlich-herkömmlichen Beurteilung alternativer Heilmethoden ist die prinzipiell andere Betrachtungsweise. Die okzidentale Schulmedizin ist die einzige Heilmethode, die nach dem Autowerkstatt-verfahren vorgeht: Ein Teil ist kaputt, wir reparieren oder ersetzen es. Es ist eine auf dem cartesianischen Weltbild beruhende Methode, die nicht den ganzen Zusammenhang, sondern nur das Einzelteil betrachtet. So werden dann Symptome behandelt und höchstens noch Auslöser gesucht, aber an die Frage nach den Ursachen kommt man nicht ran. Ein Beispiel: Ich hatte als Jugendliche urplötzlich entzündete Zehennägel. Erst links, dann rechts, dann wieder links. Über Jahre. Es kam plötzlich, war sommers wie winters da, hatte nichts mit Schuhen oder anderen Lebensgewohnheiten zu tun. Die Ärzte schnitten die Eiterungen auf, empfahlen Salben usw. Warum aber mein Körper entschied, die Zehennagelbetten zu entzünden, werde ich bis heute nicht wissen. Irgendwann hörte er damit auf und es ist bis heute nie wieder passiert.
Naturheilkunde, wenn sie gut ist, stellt sich die Frage nach dem woher. Wie kommt das? Womit hat das zu tun? Was drückt sich aus? Naturheilkunde sieht den Menschen als Ganzes. Körper, Geist, Seele. Für die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und die meisten anderen Heilkunden gibt es nichts absurderes als die Idee, Körper und Geist sowie einzelne Teile davon getrennt zu betrachten und sich nur um die örtlichen Syptome zu kümmern. Genau das passiert aber tagtäglich in Arztpraxen. Und die meisten Leute landen deswegen irgendwann bei naturheilkundlichen Methoden. Wobei Methode auch wieder das falsche Wort ist: man kann das nicht anwenden wie man ein Antibiotikum verschreibt. Dahinter steckt eine völlig andere Haltung und ein anderes Verständnis der Welt. Was wiederum ein Grund ist, warum die besten HPs keine Ärzt*innen sind und Ärzt*innen oft keine guten Anwender*innen von HP-Verfahren.

Zurück zur Homöopathie, um die es in dem streitbaren Artikel geht.
Meine Erfahrung mit Homöopathie ist die gleiche wie mit anderen naturheilkundlichen (und schulmedizinischen!) Verfahren: sie wirken nicht bei jedem Individuum und in jeder Lebensphase gleich. Der oder die Behandelnde muss zu mir in jenem Moment passen (weil es viel darum geht, über Einfühlung auf die richtige Fährte zu gelangen). Das macht die Sache nicht leichter, erklärt aber manches Scheitern. Hier sehen wir Denkfehler Nr 1, nämlich, dass alles bei allen gleich »anschlagen«  muss. Das ist ja nicht mal bei Pharmazeutika der Fall, und da weiß auch keiner warum’s mal hilft und mal nicht. Den Standardkörper, den die Schulmedizin gerne hätte, gibt es so nicht (und er wird übrigens nach wie vor als männlicher vorgestellt). Es ist einer ihrer Hauptfehler, dass sie für Individualität blind ist.
In dem Artikel gibt die Ärztin, um die es geht, die Homöopathie auf, weil sie sich nicht mehr sicher ist, ob sie wirklich hilft. Schließlich erinnere man sich ja nur an die Patient*innen, bei denen es gelungen sei. Was mit denen ist, die wegbleiben, wisse man ja nicht. Ähem. Also, das ist ja nun das gleiche bei allen Ärzt*innen. Ich bin auch schon oft weggeblieben, weil mir der Ansatz nicht zugesagt hat oder ich die Ärzt*in unsympathisch fand oder ich den Eindruck hatte, es hilft mir nicht. Das stellt aber nicht das Verfahren insgesamt in Frage. Es passte mir zu dem Zeitpunkt nicht. Anderen mag geholfen werden. Ich finde es aber richtig und verantwortungsvoll, dass die Ärztin ein Verfahren aufgibt, hinter dem sie nicht mehr steht. Es wäre wünschenswert, sie würde alle Verfahren und Präparate, die sie anwendet, der gleichen strengen Beurteilung unterziehen…

Ich bin mit der klassischen Homöopathie aufgewachsen und ich muss sagen, dass ich bis heute vom Anamnesebogen beeindruckt bin. Das sind mehrere Seiten äußerst detaillierter Fragen, weil die Mittel sich je nach Seitenaspekten sehr unterscheiden. Das ist die schwierige Aufgabe einer Homöopathin oder eines Homöopathen, (und hier kommen Einfühlungsvermögen und Sympathie ins Spiel). Wenn sich Ärzt*innen ähnlich viel Mühe geben würden, könnten sie mglw. wesentlich besser heilen, als sie das tun. Das ist auch eine Kostenfrage, aber das ist ein anderes Thema. Meine Lieblingsmethode ist Homöopathie allerdings nicht. Ich bevorzuge andere Naturheilverfahren. Das variiert je nachdem, worum es geht und was ich brauche.

Abgesehen von Anamnesebögen: jede*r vernünftige Heilpraktiker*in schickt dich zum Abklären zur Ärzt*in. Das wird so eigentlich auch in der HP-Ausbildung gelehrt. (Was nicht heißt, dass die das (richtig) tun. Das Beispiel im TAZ Artikel zeigt es und meine eigenen Erfahrungen mit Ärzt*innen bestätigt, dass man sie manchmal geradezu zwingen muss, eine echte Anamnese zu machen. »Ich sehe nichts« habe ich von einigen HNO-Ärzt*innen gehört, obwohl ich starke Atemwegsbeschwerden hatte, oder auch: »Sie haben nichts.« Nachforschen wollte bis jetzt keine*r und so lebe ich weiter mit meinen Symptomen. Nach 4 Versuchen habe ich die Schnauze voll von HNO-ler*innen.) Man muss ja schließlich wissen, was los ist, um weiterzudenken und behandeln zu können. Und dass die Apparaturen der Schulmedizin für genauere Erkenntnisse darüber, was wie krank ist, überaus hilfreich sein können, bezweifelt niemand. Es gibt also, das wissen wir alle, gute und schlechte Ärzt*innen. Genauso gibt es gute und schlechte Heilpraktiker*innen. Oder sagen wir besser: gewissenhaft und schlampig arbeitende HPs und Ärzt*innen. Denn manchmal weiß eine halt nicht weiter oder kommt nicht auf die richtige Idee. Oder die »Chemie« zwischen Behandelten und Behandelnden stimmt eben nicht.

Meine Erfahrung ist, dass das derzeitige Finanzierungsmodell unseres Gesundheitssystems aus Ärzt*innen eigentlich systematisch schlechte Ärzt*innen macht und sie sich, wenn sie das nicht wollen, aktiv gegen diese Tendenz wehren müssen. Sie dürfen sich ja qua Abrechnungsvorschriften gar nicht die Zeit nehmen, die es bräuchte, um wirkliche Anamnese zu betreiben. Sie werden von der Pharma-industrie systematisch indoktriniert (die berühmten Vertreter*innen, die regelmäßig in den Praxen vorbeischauen. Man erkennt das dann daran, dass plötzlich bestimmte Medikamente in einer Praxis Konjunktur haben). Ihre Ausbildung legt ihnen nicht Demut gegenüber den Erfahrungen der Patien*innen mit ihrem eigenen Körper, sondern Arroganz auf Grund ihrer vermeintlichen Allwissenheit nahe. Dazu kommt die Profitorientierung. Viele Ärzt*innen wollen zu den Topverdiener*innen gehören. All das verhindert Heilen.

Das ist bei HPs anders. Weder legt ihnen ihre Ausbildung nahe, »alles besser zu wissen« als die Patient*in, vielmehr geht es um Begleitung und um gemeinsames Forschen. Noch erwarten HPs, von ihrem Beruf reich zu werden. (Übrigens, die meisten Leute in meiner Abi-klasse, die Ärzt*innen werden wollten, waren nicht gerade Empathiegranaten, und ihre Motivation war Prestige und Geld, nicht Hilfe oder Sorge um den Nächsten… Viele wurden Ärzt*innen, weil ihre Eltern Ärzt*innen waren. Zu keiner davon würde ich als Patientin gehen wollen!) HPs werden anders (aber nicht besser!) bezahlt und können sich die Zeit nehmen, Zeit ist oft sogar einer der wichtigsten Komponenten. Im Wartezimmer von HPs stapeln sich keine Patient*innen. Gespräche und Behandlungen dauern. Es wird nicht im Minutentakt abgefertigt. All diese Komponenten zählen.

Siehste, sagen dann die Skeptiker*innen, es sind gar nicht die Methoden, es ist einfach die Zeit und die Zuwendung. Und hier liegt quasi der zweite Denkfehler. Wer wollte das denn trennen? Wie kann man das auseinander denken? Sich Zeit nehmen, heißt auch, genauer sein zu können. Auch pharmazeutisch und technisch induzierte Heilprozesse sind von Zuwendung und Aufmerksamkeit abhängig. Wir sind lebendige Individuen und reagieren mit unserem ganzen Wesen auf das, was mit uns geschieht, sei es Akkupunktur, eine Chemotherapie oder ein Heilfastenprogramm. Naturheilkunde zielt immer auf die Veränderung des ganzen Menschen, weil sie das Symptom ja nicht als reparaturbedürftiges Einzelteil sondern als Ausdruck eines Problems im System sieht. Also muss man auf das ganze System eingehen, und dazu gehört Zuwendung, Gespräche, mglw. zusätzliche Umstellung von Ernährungsgewohnheiten oder Lebensstiländerungen.

Genau weil Naturheilkunde nicht so funktioniert, dass man sich »was reparieren lässt« und sonst weitermacht wie bisher, ist es unmöglich, sie mit cartesianischen Parametern (wir isolieren einen Vorgang und schauen ob er funktioniert) zu beurteilen. Das ist halt auch der Punkt mit diesen Homöopathie-tests. Eine Massen-mittelvergabe ohne genaueres Eingehen auf den Menschen und ohne Detailanamnese ist völlig widersinnig. Natürlich funktioniert das nicht. Das habe ich schon oben zum Thema Individualität geschrieben. Und das sagen die Homöopath*innen selber: wenn es nicht das richtige Mittel ist, passiert – nichts! Sprich, du kannst dich auch nicht vergiften. Manchmal braucht es eine Abfolge verschiedener Mittel, damit die Wirkung offenbar wird. Das ist für unser mechanistisches Weltbild schwer zu begreifen.

Es ist dieses Weltbild, das ein Problem ist. Es hat uns Aspirin und Penicillin gebracht, aber auch Glyphosat und Atomkraft. Ironischerweise ist es auch die Atomphysik, die begreift, dass es jene »feinstofflichen« Zusammenhänge und Wirkweisen gibt, von denen naturheilkundliche Verfahren seit jeher wissen, die aber von so vielen hyper-materialistischen Linken immer noch belächelt und als (faschistische) Esoterik bekämpft werden. Es ist allerhöchste Zeit, zu akzeptieren, dass auch das seit der Neuzeit geltende materialistisch-schulmedizinische Weltbild nur eine Möglichkeit ist, die Welt zu interpretieren und dass nichts darauf hinweist, dass diese Interpretation die einzige bzw. richtiger ist als andere. Das wollen wir nicht akzeptieren, weil wir so gerne glauben wollen, dass unsere Wissenschaft gegenüber »primitiven« Erklärungsmodellen überlegen ist. Wir müssen aber feststellen, dass sie auch nur das erklären kann, was sie aus ihrem Blickwinkel überhaupt zu betrachten in der Lage ist, und dann beeinflussen wir auch noch das Ergebnis. Heisenberg lässt grüßen. Und das ist zudem nur ein Teil der Realität, die wir als begrenzte Wesen ohnehin niemals werden ganz erfassen können. Mithin ist das Problem ein Mangel an Demut und Einsicht darin, dass wir wenig wissen und viel glauben. Und dass wir als unterschiedliche Wesen unterschiedliche Erfahrungen machen, und mit unseren unterschiedlichen Erfahrungen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Seit einiger Zeit gehe ich zu einer Heilpraktikerin, die Somatic Experiencing macht. Wollte man eine*r HP-Skeptiker*in erklären, was diese Frau mit mir macht, man hätte seine Mühe. Es ist eine sehr sanfte und sehr subtile Methode der Körpertherapie. Und umso unglaublich viel wirkungsvoller. Empfohlen hat sie mir eine Frau, die nach einer Schwerst-mehrfachtraumatisierung nicht mehr schlafen konnte. Alle Therapien nutzten nichts. Sie gab mir die Telefonnumer mit den Worten: »Diese Frau hat gemacht, dass ich wieder schlafen kann.« Was soll ich sagen? Dieser Frau verdanke ich, dass ich bereits 2 Wochen nach einem schweren Schock (Lebensgefahr) wieder munter auf den Beinen war und das Erlebte heute als eine normale, wenn auch unschöne, aber nicht belastende Erinnerung abgespeichert habe. In der Traumaforschung gilt SE als eine der effektivsten und sanftesten Methoden. Und wie so oft bei Naturheilkunde: solange die Heilpraktiker*in gewissenhaft und gut arbeitet, ist es so gut wie ausgeschlossen, dass man sich damit schädigen kann. Im schlimmsten Fall hilft es einfach nicht. Aber man wird nicht krank davon. Das kann die Schulmedizin mit ihren Psychopharmaka nicht von sich behaupten. Ich gehe immer noch zu dieser Frau. Vom ursprünglichen Grund sind wir abgekommen, weitere Ebenen haben sich aufgetan und als Seiten-heilerfolg sind meine Periodenschmerzen verschwunden. Ich empfehle sie ab und zu weiter. Und wie es immer so ist: die einen sind begeistert, anderen bringt es nichts. Völlig normal. Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch braucht etwas anderes, und niemand immer das gleiche während seines ganzen Lebens.

Naturheilkunde vermag auf diese Einzigartigkeit, die Vielfalt und die permanente Entwicklung von uns Menschen wesentlich besser einzugehen als die Schema-F-Vorgehensweise der Schulmedizin. Deswegen ist es auch nicht schlimm sondern normal, wenn es Patient*innen gibt, die nicht wiederkommen, denen man nicht helfen kann. Besser, damit ehrlich und offen umzugehen, als sich und den anderen in die Tasche zu lügen und weiterzumachen, obwohl man nicht weiter weiß.

Schließlich noch eine Sache: niemand ist gezwungen, naturheilkundliche Verfahren anzuwenden. Bleibt bei der Schulmedizin, wenn ihr den Eindruck habt, dass sie euch hilft. Entscheidet selbst, aber trefft eure Entscheidungen bitte auch informiert. Seid mündige Patient*innen. Hört auf euren Körper und wechselt Ärzt*in, Heilpraktiker*in oder Behandlungsart, wenn ihr merkt, es passt nicht. Das Tragische an dem Beispiel aus dem TAZ-Artikel ist doch, dass die Frau so wenig auf ihre Körper hört und das heftige Symptom der andauernden Blutungen übergeht, weil sie blind auf die vermeintliche Expertise der Ärztin vertraut (die noch dazu einfach keine vernünftige Anamnese macht und die Frau von oben herab behandelt. Das hat nichts mit Homöopathie zu tun, das ist einfach schlechte Praxis. Im Gegenteil, klassische Homöopathie macht die genauste Anamnese, die ich je gesehen habe. Also schlechte Ärztin UND schlechte Homöopathin. Davor ist man nie gefeit. Es gibt keine Garantien und keine Perfektion. Keine Kontrolle und kein Auswahlverfahren der Welt kann das ändern. Aber man kann bessere Bedingungen für das Heilen schaffen. Das ist Gesellschaftspolitik!)

Also, macht was ihr wollt, aber passt auf euch auf. Und schreibt mir nicht vor, was bei mir wirkt und was nicht, oder was ich anwenden darf und was nicht. Ich lass euch ja auch eure Chemie.

8. März International women’s strike

Am 8. März streike ich. Keine Mails, keine Posts, keine Anrufe. Keine Kümmerei und keine Checkerei für irgendwas. Wenn es schön wird, geh ich an den See. Punkt.
Für die Anerkennung weiblicher Arbeit. Für gleiche Bezahlung. Raus aus der Prekarität. Gegen Patriarchat, Kapitalismus und human supremacy. #womenstrike #8märz #feminismus

Bildergebnis für internationaler frauenstreik

Bericht aus dem Land der Gelben Westen

Seit 3 Jahren verbringe ich einen großen Teil meiner Lebenszeit in Südfrankreich bei meinem Freund. Ich habe die Wahl mitverfolgt und die erste Zeit der Regentschaft von Marcon, die Aufstände und Blockaden diesen Frühling und vor allem, diese offensichtliche und tiefsitzende Verachtung der Regierungskaste (alles Absolvent*innen der ENA, der Elite-Verwaltungsschule) sowie ihre völlige Entkoppelung von der Realität der Leute und die manchmal geradezu irritierende Kurzsichtigkeit und Stumpfsinnigkeit ihrer Politik.

Ein Beispiel: Der Streik der Eisenbahner*innen diesen Frühling begann anlässlich einer angekündigten Reform und Vollprivatisierung der staatlichen Bahn SNCF. Nicht nur sollten die Eisenbahner*innen einen Teil ihrer erkämpften Lohnvorteile verlieren, nein: 1/3 aller lokalen Züge wird eingestellt. Jetzt schon sind die Regionalverbindungen teuer, selten und schlecht organisiert. Das Argument von Macron war: die Leute haben doch eh alle ein Auto. (Ja, seit man ihnen die örtlichen Schulen, Postämter, Krankenstationen etc einstampft und riesige Shoppingcentren vor den Toren der Städte und Dörfer entstehen, während die Dorfzentren sich leeren, MÜSSEN ja alle ein Auto haben). Nun kommt er uns mit: Autofahren ist doof für das Klima, deswegen machen wir es richtig teuer. Eine erste Reaktion auf die Proteste war dann, anzubieten, die Fahrschulen wieder günstiger zu machen. Ja was denn nun? Der Mangel an Logik kann einen in den Wahnsinn treiben!

Oder: Beginn des Jahres erklärt er den Rentner*innen, sie müssten eine Extra-streuer bezahlen, damit man den jungen Arbeitslosen und Berufsanfänger*innen helfen könne. Kein Jahr später wird eine neue Lohnsteuer eingeführt, unter anderem mit dem Argument, die Arbeitenden müssten den Rentner*innen helfen. Hä?

Das sind nur zwei Beispiele. So geht es in einem fort. Die Benzinsteuererhöhung sollte unter Anderem durch Kompensationszahlungen für Arme abgefedert werden, nachdem diese anfingen zu protestieren. Es ist zum Haareraufen blöde.

Macron ist ein selbstherrliches Arschloch, der noch nicht mal die Prozentrechnung richtig versteht (obwohl Banker), sonst hätte er neulich nicht gefragt, warum ihn denn alle gewählt hätten, wenn sie jetzt so gegen ihn sind. Mal abgesehen davon, dass er keine Wahlversprechen eingehalten hat und seit Tag Null alle übers Kreuz legt, die Leute also auch einen Grund haben, ihre Meinung zu ändern, haben ihn mitnichten alle gewählt. Die Wahlbeteiligung war die niedrigste der fünften Republik, und aus gutem Grund.
Im ersten Durchgang hatten alle Kandidat*innen um die 20%, die Unterschiede waren im einstelligen Bereich, es war sehr knapp. Im zweiten Durchlauf haben die meisten ihn gewählt, um Le Pen zu verhindern. Damals ging ein Satz durch die sozialen Medien: Late Capitalism – wenn man die Wahl hat zwischen einer Faschistin und einem Investmentbanker.
Seine Politik unterstützen vlt 20% der Wähler*innen. Bei einer Wahlbeteiligung von kaum mehr als 50% und der Menge an Einwohner*innen ohne Wahlberechtigung (u.a. alle die im Gefängnis sind oder waren) macht das höchstens 10% der Bevölkerung, die seinen Müll gut fanden. Das passt zu den Umfragen, wonach 85% der Französ*innen hinter den «Gilets Jaunes» stehen.

Und ich kann sie verstehen. Man kann dieser Regierung nur noch Hass entgegenbringen. Wenn ihr wüsstet! Gesetzte werden seit Tag 1 im Schnellverfahren durchgepeitscht, keine demokratische Debatte mehr möglich. Der Ausnahmezustand wurde in den Normalzustand überführt. Es hagelt Verbote, Steuern und antisoziale Reformen täglich. Und dann sowas: Angebot der Regierung an die aufständischen Gelbwesten: Kondome „made in France“ sollen kostenfrei werden, wenn man sich ein Rezept beim Arzt holt. Ein Arztbesuch „kostet“ irgendwas um die 10€ Praxisgebühr, eine Packung Kondome ist erheblich günstiger, auch die „made in France“. Wie garstig: Die Armen revoltieren, und die Antwort der Regierung: Hört auf, Euch zu vermehren, wir helfen Euch dabei (aber nur, wenn das die nationale Wirtschaft ankurbelt). Bösartig.

Man kann den Leuten viel nehmen, aber wenn es an  die Lebensgrundlagen UND die Würde geht, platzt ihnen irgendwann der Kragen.

Ich habe wirklich nicht verstanden, wieso die deutsche Presse diesen hohlköpfigen Parvenu Macron so hochgejubelt hat. Man möchte meinen, dass FrankreichkorrespondentInnen des Französischen mächtig sind. Aber wieso sollten Journalist*innen heutzutage intelligenter sein als die Regierung. «Bildung für Reiche!» hat Martin Obliers, Schriftsteller in Köln, mal gefordert. In der Tat, man hat den Eindruck von Vollpfosten regiert zu werden.

Und die Linke?

Ich möchte einen offenen Brief einer fanzösischen Aktivistin mit Euch teilen, da ich finde, dass er sehr schön das Dilemma darstellt, auch wenn sich mittlerweile was bewegt, seit auch die Schüler*innen und Student*innen im Streik sind. Am Samstag haben die Aktivist*innen der  Kampagne «Justice pour Adama» (antirassistische Kampagne gegen Polizeigewalt) zur Beteiliung an den Demos der Gilets Jaunes aufgerufen und gemeinsam demonstriert. Gestern hat die «Conferation Paysanne» mitgeteilt, dass sie sich ab sofort beteiligen wird. Die CGT ruft die LKW-Fahrer*innen zu Blockaden auf. Vielleicht gibt es jetzt endlich diese «Confluence des luttes», das Zusammenkommen der Kämpfe, auf das diesen Frühling alle gewartet haben und das nicht passierte, was zur Niederlage fast aller Kämpfe führte.

Lassen wir Alexia sprechen: (Original auf Facebook Alexia Olagnon)

An meine ein bisschen, sehr und leidenschaftlich revolutionären Freund*innen, die von einem großen Volksaufstand träumen, mit allen zusammen, den Arbeiter*innen, den Bäuer*innen, de Arbeitslosen, den Entrechteten, allen. Dem Volk halt. Ihr wartet schon eine ganze Weile auf dieses „Volk“, eine ganze Weile, in der man sich über dieses Volk aufregt, weil es sich nicht bewegen will, nicht kämpft, den Kopf senkt.

Aber welches Volk überhaupt? Wer?
Heute sind die Leute da. Bei mir auf dem Land halten sie die Blockaden seit 13 Tagen! Selbstverwaltet machen sie essen, verpflegen die „Truppen“, organisieren Aktionen und kommen wieder, wenn sie von den Bullen vertrieben wurden. Die anderen sind solidarisch, man hört und sieht es überall: zwei von drei Autos haben eine Warnweste hinter der Windschutzscheibe, als Zeichen der Solidarität. Sie sind zum Elyséepalast gegangen, zu Tausenden, und haben sich ordentlich einmachen lassen. Sie sprechen jetzt davon, die Häfen zu blockieren und weiterzukämpfen. Das ist doch der Hammer, oder? Es gibt sogar antirassistische Komitees unter ihnen, um eine rechte Übernahme der Bewegung zu verhindern.

Aber Du Genoss*in, Du scheinst mir verwirrt zu sein, ja enttäuscht sogar. Und das, wo ich doch bei den Blockaden viele verschiedene Leute sehen konnte: Arbeiter*innen, Arbeitslose, Rentner*innen, Gewerbetreibende, Selbstständige. Ich habe auch viele Frauen gesehen! (Bravo Mädels! Das klappt alles auch weil ihr da seid!) Aber Dich, Dich habe ich nicht gesehen.
Es ist, also ob dieses Volk, von dem Du immer so gerne „theoretisch“ redest nicht zu dem Bild passt, dass Du Dir von ihm gemacht hast. Du, der sich darin gefällt, am Rande zu sein, tust Dir schwer damit, Dir eine gelbe Weste anzuziehen. Du willst lieber in der Reserve bleiben als Dich ins Getümmel stürzen und Dir die Hände schmutzig zu machen.

Mit den Genoss*innen auf dem ersten Mai gegrillte Sardinen essen, das passt Dir, aber am Kreisverkehr um die Ecke Würstchen vom Grill essen, ist wohl zuviel verlangt. Das Volk scheint Dir Angst zu machen.

Ich versteh Dich. Unter uns sind wir unbehelligt, da können wir uns aneinander wärmen, während es da draußen kalt ist. Und komm, gib zu, Du bist auch ein bisschen sauer, weil sie nicht auf Dich gewartet haben. Und verwirrt bist du, weil Du lieber einen romantischeren Grund für den Aufstand gehabt hättest als ausgerechnet den Benzinpreis.
Und bist Du empört, weil Dir klar wird, dass das geliebte Volk teilweise düsteren Ideen anhängt?

Weißt Du, die Leute haben den Eindruck, dass Du auf sie herabschaust, und ich sag Dir was: da ist was dran. Die Leute auf den Barrikaden fragen sich schon, warum keine Künstler*innen, keine Gewerkschafter*innen, niemand sonst sie unterstützt. Nicht, um die Bewegung zu übernehmen, sondern um sie zu unterstützen!

Genoss*in, gegen Rechtsextremismus zu kämpfen, das ist nicht nur ab und zu Faschos klatschen. Du kannst auch so viele Wahlplakate von Marine Lepen abreißen wie Du willst, das ist nicht, was die Ideen dahinter zerstört (auch wenn es ein bisschen Befriedigung verschafft, das gesteht ich Dir zu). Wenn Du also heute nicht am Start bist, werden sich andere drum kümmern und ihren Hass säen.

Also komm, Genoss*in, ich hoff‘ ich hab Dich ein bisschen gepiekst, vielleicht sogar geärgert. Aber ich musste es Dir einfach sagen.

Ich für meinen Teil nehm‘ am Samstag mein Fahrrad und schau mich mal in meiner Gegend um. Ich hab zwar keine gelbe Warnweste, aber das kann sich ja noch ändern.

Und im Übrigen: wenn ihr was Intelligentes dazu lesen wollt, folgt Didier Eribon, Geoffroy de Lagasnerie und Eduard Louis in den Sozialen Medien (ist auf französisch).

Ab morgen erhältlich: »Strafe und Gefängnis. Theorie, Kritik, Alternativen.«

Heute soll es aus dem Druck kommen, mein neues Buch. Ihr könnt es also vorbestellen, sowohl beim Verlag als auch im Buchladen Eures Vertrauens! (Bitte meidet aus vielen politischen Gründen den Onlineversandhandel)

Über Elternschaft und Freundschaft

Nächstes Jahr werde ich 40. Während damit einerseits quasi numerisch bestätigt wird, dass es jetzt endgültig vorbei ist mit dem Schein der Jugendlichkeit und man auf dem Weg zur „5“ ist, verbindet sich bei mir damit eine Hoffnung: dass es endlich auch bald vorbei sein möge mit der Kinderkriegerei um mich herum.

Ich habe keine Kinder, nie welche gewollt und alles notwendige dafür getan, dass es nicht dazu kommt. Das hat eine ganze Reihe von Gründen, ich fand die Vorstellung, schwanger sein, immer schon abstoßend und unheimlich, und ich hatte einfach noch nie Lust, mein Leben an die Bedürfnisse eines abhängigen Wesens zu ketten. Aber, ich fand auch schon seit ich selber Kind war, dass es wirklich genug Menschen auf der Welt gibt und die Reproduktion der Menschheit keine vordringliche Aufgabe ist.

Und irgendwann fing es an, so mit Mitte dreißig, dass überall um mich herum Kinder geboren wurden.

Nach ihren Motiven gefragt, können sämtliche Eltern nur egoistische Gründe liefern. „Mal die Erfahrung machen, schwanger zu sein“. „Weil es interessant ist, einen Menschen aufwachsen zu sehen.“ „Weil Kinder lustig sind.“ Etc pp. Es geht immer um die Eltern, nie um das Wesen, das sie ins Leben rufen. Ich habe noch keine Eltern sagen hören: „Weil wir gerne einem Menschen das Leben schenken möchten, damit er an dieser schönen Welt teilhaben kann.“

Wie auch. Wir wissen alle, dass wir dabei sind, den Planeten zu ruinieren und die kommenden Generationen damit werden umgehen müssen. Dass die Zukunft derzeit eher nach Krieg, Umweltkatastrophe und Zusammenbruch aussieht als nach irgendwas anderem.  Kinder zu machen um eigene Bedürfnisse zu erfüllen: ich kann derzeit einfach kein „Like“ drunter setzen.

Wenn man so etwas sagt, macht man sich tendenziell unbeliebt. Kinderkriegen ist irgendwie heilig, sobald eine Schwangerschaft verkündet wird, wird erwartet, dass man freudestrahlend gratuliert. Das fällt mir schwer. Ich frage meist erstmal: warum willst Du das?

Aber es gibt noch etwas, das mich stört: Die Verkündung der Schwangerschaft ist gleichermaßen eine Aufkündigung der Freundschaft. Das meinen die Eltern nicht so, und es ist ihnen auch nicht bewusst. Aber wenn dir eine*r sagt, dass er Vater bzw. sie Mutter wird, weißt du, dass die nächsten 12 Jahre nichts mehr mit ihnen anzufangen ist.
Ihr BEKOMMT ein Kind, ich VERLIERE eine*n Freund*in.

Das heißt nicht, dass man sich weniger gern hat, aber ab jetzt ist es vorbei mit gemeinsamen Urlauben oder Kinobesuchen, wilden Partynächten, spontanen Unternehmungen oder auch nur einer störungsfreien Unterhaltung. Im Prinzip sieht man sich irgendwann einfach kaum mehr, weil die letzten drei Verabredungen wegen irgendwelcher Kinderprobleme in letzter Sekunde geplatzt sind, weil man als Kinderlose die Begleitung durch Kleinkinder nicht unbedingt als Bereicherung empfindet und weil man Gespräche, bei denen man keinen Satz zu Ende bringen kann, weil das Kleine immer dazwischenfunkt, einfach nicht sonderlich anregend findet. Wenn man sich überhaupt noch etwas zu sagen hat, schließlich drehen sich neuerdings auch die Unterhaltungen nur noch um die neusten Entwicklungsschritte des Kindes.

Ich glaube ehrlich gesagt noch nicht einmal, dass das so sein muss. Es ist vielmehr die derzeit gängige bürgerliche Art, Kinder zu erziehen. Ich bin überzeugt, dass ein Dreijähriger keinen lebenslangen Schaden davon trägt, wenn man ihm das Trompetespielen untersagt, solange man sich mit dem Gast unterhält (nur so als lebensnahes Beispiel). Oder dass man sich nicht vom Heul-anfall einer Sechsjährigen am Ausgehen hindern lassen muss (Kindersitter provided).

Das hört sich vielleicht alles hart an. Vielleicht vermittelt es aber einen kleinen Eindruck davon, wie frustrierend es ist, wenn man innerhalb weniger Jahre einen ganzen Haufen seiner Freund*innen ans Kinderkriegen verliert, und das noch nicht einmal laut sagen kann, weil einem sonst das Image einer antisozialen Kinderfeindin anhaftet.

Happy Birthday Michael!

Am 29. August wäre Michael Jackson 60 Jahre als geworden. Zeit für eine Ehrenrettung. [Lange Fassung des in der »Jungen Welt« veröffentlichten Artikels.]

Der universalistische Freak Michael Jackson.

Ein ewig Rätsel bleiben will ich, mir und anderen“ – Ludwig II, König von Bayern

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Politix

Dass Michael Jackson ein politischer Künstler war, haben die Wenigsten zu seinen Lebzeiten begriffen. Die Wenigsten der gesellschaftlich Privilegierten. Für die Schwarze Communtiy der USA, kolonialistisch Unterdrückte oder jugendliche Außenseiter*innen in aller Welt war es dagegen deutlich. Zwar hat sich MJ nie einer Partei oder Bewegung angeschlossen, keine ideologischen Statements abgeliefert und sich selten zu Themen geäußert, wie es politische Künstler*innen gewöhnlich tun und es auch von ihnen erwartet wird. Aber explizite politische Inhalte bestimmten häufiger als bei vielen anderen Popstars seine Songs. MJ sang und tanzte mit Straßengangs (Beat it), drehte Videos mit Slumbewohner*innen und sozialen Gefangenen (They don’t care about us), reiste als erster US-amerikanischer Sänger in die UDSSR – gerade so, als wären Schranken nur zum Einreißen gedacht.

Mag es auch kindliche Naivität gewesen sein, mit der er in Songs wie „Black or White“ oder „Earth Song“ gesellschaftliche Missstände anprangerte – naiv, weil es stets ein Appell an das Wohlverhalten der Individuen blieb und jeder Analyse von Herrschaftsverhältnissen entbehrte – es war trotz oder gerade wegen dieser Naivität glaubwürdig. Wieviele habe ihn genau deswegen verehrt: weil er das Gefühl vermittelte, es ernst zu meinen; nicht auf Basis einer Theorie sondern aus der Überzeugung des Herzens heraus. Wer sich darauf einließ, konnte es fühlen – so direkt und unvermittelt, dass daraus eine Verbindung entstand, die Außenstehenden unheimlich erschienen sein mag, und die bei den Fans natürlich zu einem großen Teil aus Projektion und Übertragung bestand. Manchmal konnte es einem vorkommen, als wäre mensch Zeug*in der Anwesenheit eines neuen Heilands. Es war geradezu religiös. Seit Elvis wurde um keinen toten Popstar so getrauert – selbst nach dem Jahr der vielen Toten im Pop 2016 stimmt dies noch und verweist Prince auch hier auf den zweiten Platz.

Das wirft Fragen auf. Fragen darüber, welche Bedürfnisse die Person Michael Jackson in so vielen unterschiedlichen Menschen ansprach, Fragen über die Gesellschaft, die diese Bedürfnisse unbefriedigt ließ und eine Persönlichkeit wie die MJs produzierte, Fragen über die Widersprüche, die sich in seinem Leben manifestierten.

LOVE

We had him“ heißt ein Gedicht, das die Afro-amerikanische Dichterin Maya Angelou anlässlich seines Todes ihm zu Ehren geschrieben hat. Die Rapperin Queen Latifah trug es auf dem Memorial in Los Angeles vor und ergänzte ihre eigene Michael Jackson Geschichte: wie sie ihn von Kindesbeinen an verehrte in jener innigen Beziehung, die so typisch ist für die Bindung zwischen den Fans und MJ: „You believed in Michael, and he believed in you“.

Die Leute meinten das ernst, sie empfanden es genau so. „Every person who loved Michael Jackson believed that they had an intimate relationship with him.“ beschreibt Ellis Cashmore, Weißer Professor für Cultural Studies, die Beziehung zischen MJ und den Menschen, die ihn verehrteni. Michael Jackson war ihr Freund, ihr Bruder, er war für sie da, selbst wenn sie ihn noch nie gesehen hatten und niemals sehen würden. Sie wussten, wenn auch sonst niemand es tat, er verstand sie, er glaubte an sie. „Whether we knew who he was or did not know, he was ours and we were his. We had him.“ so schreibt es Maya Angelou. Besser kann mensch es kaum auf den Punkt bringen.

Sie liebten ihn und er sagte: „I love you more.“ Gefragt, was er fühle wenn er bei Konzerten dieser Masse schreiender Menschen gegenüberstehe, antwortete er schlicht: „Love.“

Um Liebe geht es viel bei MJ, bedingungslose Liebe, von der er immer wieder spricht, dass er sie gegenüber der Welt empfände, und es ist diese Liebe oder zumindest die Behauptung dieser Liebe, für die ihn viele wiederum liebten.

Vom Rand aus, über Grenzen hinweg.

Es ist die Liebe der Freaks, der Menschen, die anders sind, der Norm nicht entsprechen.

Er, der Außenseiter, Sohn einer armen Schwarzen Arbeiterfamilie, der Sonderling mit merkwürdigen Hobbies wie Schimpansenhaltung, das künstlerische Genie, der Freak, war der Seelenbruder der Außenseiter*innen. Als von der Gesellschaft Ausgeschlossener war er ihr Spiegel; als Genie war er einer von ihnen, der gesellschaftliche Mauern eingerissen hatte, sich über Grenzen hinwegsetzte. Zu ihm konnten sie aufschauen, mit ihm konnten sie hoffen. Er hatte alles geschafft und sie hatten ihn, also würde alles möglich sein. Das hat eine messianische Kraft, die noch nach seinem Tod Jugendlichen im Irak den Mut gab, zu singen, zu tanzen, ihr Ding zu machen – gegen eine gesellschaftliche Moral, die sie mit dem Tod bedroht.ii

He appeals universally“, sagt Ellis Cashmore.

Es ist der Universalismus eines Freaks, in dessen Bild sich alle wiederfinden können, weil es gängige gesellschaftliche Kategorien gesprengt hat: Nicht Mann noch Frau, nicht Schwarz noch Weiß, nicht Erwachsener noch Kind, nicht Arbeiter noch Elite: Cyborg?

Er akzeptierte keine Grenzen: „They say the sky is the limit, and to me that is really true.“ zitiert ihn das Memorial in Los Angeles. Mit fast übermenschlicher Kraft arbeitete er daran, alles zu erreichen, was er sich in den Kopf gesetzt hatte, seine Phantasie zu verwirklichen, alles zu sein, was er sein wollte. Barrieren niederzureißen, Kategorien zu sprengen. Sein Lieblings-Superheld war Morph von X-Men „because he constantly transforms himself, (…) he’s very mysterious. He can be all things, become all things. That’s exciting to me.“iii

MJ war eine universalistische, ausgestoßene und wahnsinnig erfolgreiche Kunstfigur, die gleichzeitig an ihrer Authentizität keinen Zweifel aufkommen lassen möchte. Wer Michael Jackson gerecht werden will, muss eine Menge Widersprüche aushalten.

Freakshow

Auf die „Normalen“ übt der Freak eine enorme Faszination aus. Sie sehen ihn nicht als Bruder, sondern als den Anderen, den Nicht-Normalen. Es ist die Faszination des Grusels. Sie beglotzen ihn in Kuriosiätenkabinetten oder auf Youtube und hänseln ihn in der Schule, den Ausschluss stets erneuernd. Die Normalen können von den Freaks nicht lassen, denn ihre Existenz stellt die Normalität in Frage.

Ein Genie von der Größe Michael Jacksons findet daher auch viele Bewunderer_innen unter den Normalen, es bleibt aber die Faszination für das radikal Andere, die jederzeit in Ekel umschlagen kann und dann den Ausschluss, der den Freak ursprünglich einmal erst zum Freak gemacht hat, wiederholt und bestätigt. Bewundert wird der Freak von den Normalen nur, solange er erfolgreich ist und sein Freakigsein eine exzentrische Dekoration ist, die nicht im Weg steht oder unangenehm ist. Solange sein Glanz auch auf die Normalen abfällt, sonnen sie sich darin. Als Genie wird dem Freak ein Platz über dem Durchschnitt zugebilligt, fällt er aus der Gunst, ist er wieder das Monster, das außerhalb und unterhalb der Normalen steht. Verbundenheit entsteht nicht. Gleichheit findet der Freak nur unter Gleichen.

Black or White

Diese Gleichen waren für Michael Jackson ganz besonders die Schwarze Community in den USA und PoCs weltweit.

Gemessen an der Weißen Norm sind PoCs quasi Freaks, besonders einer, der auf einmal nicht mehr Schwarz aussieht. Niemand in der Schwarzen Community hatte mit der Veränderung von MJs Hautfarbe solche Probleme wie die Weiße Öffentlichkeit. Zwar gab es Schwarze Stimmen, die ihm einen Ausverkauf der Schwarzen Identität vorwarfen, im Großen und Ganzen aber war klar, dass MJ einer von ihnen war und blieb, etwas, was er immer wieder betont hat: „I don’t have to look in the mirror. I know I’m black.“iv

Eine Sichtweise, die der Schwarze Schriftsteller Ekow Eshun bestätigt: „He doesn’t stop being Black. Blackness is about culture, Blackness is about how you look at the world. And I think in those terms Michael Jackson remains Black“v.

Für Weiße jedoch scheint ein Schwarzer, der nicht mehr schwarz aussieht, das ultimative Rätsel und ein unerhörter Angriff zu sein. Die Haut, die Haare, die Nase – nichts an seinem Körper blieb undebattiert, Die Haut leide unter einer Pigmentstörung namens Vitiligo, die sie durchsichtig werden lässt, und wenn alle Schönheitsoperierten von Hollywood gleichzeitig in Urlaub führen, wäre die Stadt leer, verteidigte sich MJ: Warum seine Nasenkorrektur so etwas besonderes sei?vi

Abgesehen davon, dass er tatsächlich irgendwann kaum mehr sich selbst glich (manche vermuten, dass er so sein Erwachsenwerden verhindern und sich Peter Pan annähern wollte): weil es eine Schwarze Nase war. Während Weiße sich wie selbstverständlich in Sonnenstudios oder am Strand bräunen, wird dem Schwarzen nicht einmal eine Hautkrankheit zugestanden. Während Weiße ihre Haare färben und dauerwellen, ist das Glätten oder Verlängern bei einem Schwarzen verdächtig. Während ein Haufen weißer Hollywood-diven allerlei Geschlechts aufgepumpt und vollgespritzt sind bis zum geht nicht mehr, war seine Gesichtschirurgie unheimlich. Dem Weißen Diskurs über Michael Jackson wohnte stets ein tiefsitzender Rassismus inne.

Das Schwarze Reden über Michael Jackson war ganz anders. Schwarze kamen wesentlich besser mit dem Anders-sein des Michael Jackson zurecht. Die Vielfalt der PoCs, die Erfahrung, selbst einen nicht weiss-normgerechten Körper zu haben und das Wissen darum, wie dieser sich verändern kann und gestalten lässt, scheint der Erscheinung MJs unter PoCs relativ viel Normalität verliehen zu haben.

Es gehört zur Widersprüchlichkeit seiner Person, diese vordergründige Echtheit von Krankheit und ein bisschen Chirurgie (nicht zu vergessen die Auswirkungen des Unfalls für den Pepsi-werbespot, bei dem er sih Verbrennungen dritten Grades zuzog) mit übertriebenem Styling konterkariert zu haben. Make-up, Frisur und Kleidung waren stets dermaßen jugendlich, androgyn und phantastisch durchinszeniert, dass es keiner mehr für echt hielt, als er sich einmal einen Bart wachsen ließ.

Black Power

Doch in der Black Comunity ging es weniger um sein Äußeres, als um die emanzipatorische gesellschaftliche Leistung. Die Jackson 5 waren in den Sechzigern „a chance for the Black Comunity to have somebody to scream and shout at“vii. Mit Stolz bezogen sich Schwarze Kids auf die Jackson 5 und später auf Michael. Endlich gab es eine eigene, sexy Boygroup wie die Weißen sie hatten, und dann ihn, den Superstar. Diese Möglichkeit, als Schwarze ein Schwarzes Idol von universeller Reichweite, eines, das die Weißen nicht ignorieren konnten, anhimmeln zu können, war ein wichtiger Boost im Selbstbewusstsein vieler Schwarzer Kids. Bisher waren Schwarze Musiker*innen Spartenmusiker*innen für die Schwarze Community und Weiße Freaks. Sie wurden systematisch benachteiligt, weil sie angeblich „nur ein begrenztes Publikum hatten“ (ehem. CBS Vizepräsident Larkin Arnold)viii.

Erst Michael Jackson durchbrach diese Barriere. Noch „Off The Wall“ war ein unverdienter Grammy-flop, erst mit „Thriller“ konnten sie ihn nicht mehr ignorieren. MTV hätte ironischerweise ohne MJs Videos niemals die Bedeutung erlangt, die es später hatte, und doch musste der Sender von seiner Plattenfirma dazu gezwungen, das Video zu „Beat it“ zu zeigen: „MTV didn’t have black people on it. MTV came out of Chicago, and it was about Rock and Roll. Rock’N’Roll equals white.“ konstatiert die Schwarze Schriftstellerin Bonnie Greer.ix Bob Giraldi, der Regisseur von „Beat it“ erzählt: „I do know that after a lot of pushing and shoving and pressuring, it (the Beat it video) did get on (television). It paved the way for many Black artists. So yeah, it was a big deal.“x

Dass die Präsenz von Schwarzen im Musikgeschäft heute als etwas Normales angesehen wird (wesentlich normaler als im Film!), ist ganz entscheidend (auch) Michael Jacksons Kampf gegen die rassistischen Ausschlüsse zu verdanken. Dass das Musikgeschäft jedoch weit entfernt davon ist, unrassistisch zu sein, beklagte Michael Jackson noch 2002 in einer Rede vor der Schwarzen Bürgerrechtsorganisation „National Action Network“ in Harlem.xi

Zahlreiche Schwarze Persönlichkeiten haben MJ für seinen Einsatz Anerkennung gezollt. In einer sehr bewegenden Szene dankt der Schwarze Radiomoderator Steve Harvey MJ in einem Telefoninterview: „I don’t know if anybody’s ever said ‚Thank You‘ to you, for the way you put it down, for all the music you gave us. (…) You have meant a lot to people. And you mean something to Black people, and don’t ever think you don’t and you haven’t.“xii

Age ain’t nothing but a number?

Der tragischste Aspekt des Universalisten Michael Jackson ist sicherlich der Versuch, das Alter zu überwinden. Für einen erwachsenen Mann, der ein Kind sein möchte oder sich als Kind fühlt, gibt es wenig Verständnis und keine Community, außer der der Kinder. Als Erwachsener mit Kindern befreundet zu sein, mutet der Gesellschaft der Erwachsenen, die das Kindsein als etwas Vorübergehendes, zu Überwindendes betrachtet, jedoch seltsam an. Die Welt der Kinder ist für Erwachsene unzugänglich, sie sind ausgeschlossen. Jemand, der diese Grenze überwinden kann, ist unheimlich oder unreif, auf jeden Fall nicht ganz bei Trost. Wenn MJ das konnte, so konnte er es jedoch den Erwachsenen nicht erklären. Die Kind-Identität bedingt eine Sprachlosigkeit über sich selbst. Wie erklärt der Mann, der ein Kind ist, sich der Welt der Erwachsenen? Die Kommunikation muss scheitern. Man steht verständnislos voreinander.

Aus dem liebenswürdigen und bewunderten Genie wurde das verabscheuungswürdige Monster, faszinierend gruselig. Der Freak bekam endlich wieder den Platz, den die Gesellschaft ihm von Anfang an zugedacht hatte: draußen und unten. Und ab diesem Punkt spuckte es sich auch wieder ganz gut auf den Verstoßenen.

Michael Jackson hat das Machtgefälle zwischen sich als Mann und Star und den Kindern, mit denen er sich umgab, sehr augenscheinlich nicht gesehen oder nicht ernstgenommen. Es war einem Teil seiner Identität nicht verstehbar, dass Erwachsene gegenüber Kindern eine Verantwortung tragen und niemals gleiche sind; dass, was unter Kindern harmlos sein kann, zwischen Erwachsenen und Kindern problematisch ist; vielleicht: dass er ein Erwachsener ist!

Die Justiz hat ihn vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen, für eine emanzipatorische Haltung ist das jedoch kein Maßstab, der bürgerlichen Justiz ist nicht zu trauen. Der Fall ist tragisch, weil er so viele Widersprüche aufgewirbelt hat, an denen MJ vermutlich am Ende zu Grunde ging. In etlichen Songs hat er sich gegen die Vorwürfe und die Art, wie mit ihm umgesprungen wurde, gewehrt. Es gibt keinen Grund, ihm das nicht abzunehmen. Wissen tun wir freilich nichts.

Maskulinity trouble

Es verbietet sich, die Aussagen der Kinder nicht ernst zunehmen. Es ist gleichzeitig jedoch nicht zu leugnen, dass Eltern aus finanziellen Gründen ein Interesse daran hatten, Umstände zu dramatisieren, die vielleicht nicht dramatisch waren. Michael Jackson selber hat die Intimität mit den Kindern nie geleugnet, allerdings stets betont, dass sie nicht sexueller Art war. War das wirklich immer eindeutig? Ist die Wahrnehmung eines Kind-Mannes diesbezüglich vertrauenswürdig?

MJ fiel in ein moralisches schwarzes Loch, in einen Widerspruch, der unauflösbar bleibt: Er ist Verdächtiger in einer Kultur, die Opfer zu lange verhöhnt hat und dies nun besser machen will, aber auch Opfer einer Kultur, deren Männlichkeitsbild zutiefst gestört ist. Die männliche Sexualität gilt als bedrohlich, nicht ohne Grund.

Doch Männer unter Generalverdacht zu stellen, tut ihnen Unrecht und hilft nicht weiter. Das Verhältnis Mann-Kind wird zerstört, Mütterlichkeit etwas, das nur Frauen zugestanden wird – und auf das sie dann zurückgeworfen werden. Eine Frau, die sich mit Kindern umgibt, gilt als unverdächtig, vermutlich genau deswegen, weil die Gesellschaft Mütterlichkeit immer noch insgeheim als eigentliche oder wahre Berufung der Frau ansieht. Dem Mann wird sie dagegen komplett abgesprochen, sein Verhältnis zu Kindern erscheint zwielichtig, verdächtig. Es scheint schwer vorstellbar, dass Männer mütterliche Gefühle zu Kindern haben, sie lieben und eine fürsorgliche Beziehung zu ihnen aufbauen können ohne sexualisierte, gewaltvolle Hintergedanken. Umgekehrt nimmt die Zuschreibung Frau-Mütterlichkeit die Gewalttätigkeit und das missbräuchliche Verhalten von Frauen nicht ernst und zementiert die Ungleichheit ein weiteres Mal. Während die Statistik diesen Zuschreibungen Recht zu geben scheint – schließlich geht der überragende Anteil an (sexualisierten) Gewalttaten auf das Konto der Männer – werden diejenigen, die nicht in die Norm passen, mit der Unmöglichkeit ihres Daseins konfrontiert. Als Mann kannst du keine mütterlichen Gefühle haben, das ist nicht vorgesehen, das kann nur pervers sein, du bist ein Freak. Noch komplizierter wird es, wenn du nicht mal ein Mann sein willst.

MJ hat sich selten wie ein „typischer“ Mann verhalten. Seine Singstimme hat er Diana Ross abgeschaut und sich somit einen weiblichen Vocalism gegeben. Auch die Sprechstimme ist dünn und leise, als wolle sie den Stimmbruch, die Mannwerdung verneinen. Michael Jackson war nie ein lauter, polternder Mann. In Interviews spricht er von seiner Verletzlichkeit, offenbart seine Kindlichkeit. Auch die Momente, in denen er vor laufender Kamera ängstlich zitternd über sein Kindheitstrauma und die väterlichen Misshandlungen spricht, passen wenig zum immer noch gängigen Männlichkeitsbild. Welcher erwachsene Mann zeigt öffentlich seine immer noch wirkende Angst vor dem Vater?

Diese emotionale Weichheit ging einher mit einer ausgeprägten Scheu, sich als sexuelle Person zu erkennen zu geben. Er zeigte sich nicht mit Geliebten, sprach nicht gern darüber und je weniger an die Öffentlichkeit drang, desto größer wurde das Geheimnis, um das sich diverse Gerüchte rankten: er sei schwul, transsexuell oder zoophil (wegen der Haltung des Schimpansen Bubbles). Natürlich: das Rätsel als Projektionsfläche. So fühlten sich sowohl Oprah Winfrey als auch Martin Bashir genötigt, ihn nach seinem Sexleben zu fragen: Ob er noch Jungfrau sei, fragt Winfrey den damals 34-jährigen. Er verweigert die Auskunft. Ob er seine Kinder mit Debbie Rowe „natürlich“ gezeugt habe, also wirklich Sex mit ihr hatte, interessiert sich Bashir zehn Jahre später. Auch das Zitat von seiner ersten Ehefrau Lisa Marie Presley, sie habe ein sexuell aktives Eheleben mit ihm geführt, wurde immer wieder von den Medien aufgegriffen. Seine öffentliche Wahrnehmung war die eines asexuellen Wesens. Was ja auch vollkommen ok, aber eben sehr „unmännlich“ wäre.

Umso verwirrender, vielleicht schockierender wirkt daher die Tanzbewegung, bei der er sich offensiv in den Schritt greift und Fick-bewegungen nachahmt. Wie ist das gemeint? Als Behauptung einer erwachsenen Sexualität, als Beweis seiner Männlichkeit oder ist es ein Zitat aus den sexualisierten Tänzen afro-amerikanischer Subkulturen wie Ghetto-Tekk und Dancehall? Die Antwort, die er Oprah Winfrey gibt, ist nicht überzeugend: es entstehe spontan aus der Energie der Musik – Michael Jackson war ein perfektionistischer Choreograph, der nichts dem Zufall überließ: er, der für den Auftritt mit dem Song Billie Jean bei der Show zu Motown 25 die Wirkung eines einzelnen weißen Glitzerhandschuhs kalkulierte. Es ist, als fühle sich ein kleiner Junge bei etwas Verbotenem ertappt und suche fieberhaft nach einer Ausrede.

This is it

Michael Jackson ernst zu nehmen, heißt, Widersprüche auszuhalten und zu verstehen, dass wir so gut wie nichts über ihn wissen, er uns aber viel über uns erzählt. Unser Verhältnis zu ihm offenbart eine ganze Reihe gesellschaftlicher Mechanismen der Kategorisierung, der Ausgrenzung, der Inszenierung, der Spektakels.

Während er stets die absolute Echtheit all seiner Äußerungen behauptete, war unweigerlich alles bereits Teil einer Inszenierung, der großen Show seines Lebens. „Singing a song, I don’t sing it if I don’t mean it.“ sagte er als 14 jähriger in einem Interview, und bekräftigte diese Haltung sein Leben lang: „I think it’s important to be honest. To be an honest performer.“xiii Jeder Rapper behauptet heute das absolute Gegenteil: dass nichts gemeint sei, wie es gesagt ist.

Im Pop Authentizität zu behaupten gleicht einer Quadratur des Kreises: Pop reklamiert für sich ja gerade die Künstlichkeit, die Ironie, die Performance als Spiel mit Wahrheit und Wirklichkeit. Ist Michael Jackson einfach der, der dieses Spiel auf die Spitze getrieben hat bis zur Unkenntlichkeit, der die Widersprüche wortwörtlich zum Tanzen brachte? Oder ist es wahr: Auf der Bühne ein Meister der Inszenierung, der Herr über jeden Handgriff, ein Perfektionist und außerhalb des Rampenlichts ein schüchternes Kind?

Er war das von ihm selbst mit Perfektionismus geschaffene Kunstwerk, das auf Wahrhaftigkeit pocht. Ein Virtuose des Phantastischen – Traumwelten, Kostüme, Visionen – und ein ehrlicher, empfindsamer Sänger, der Leiden mitempfindet und Ungerechtigkeit anprangert. Michael Jackson war die personifizierte Dialektik von Artifiziellem und Authentizität. In diesem Spannungsfeld schuf er einen Raum, der die Wünsche, Träume, Sorgen seiner Fans barg. Die Uneindeutigkeit als Projektionsfläche. Ein ewig Rätsel bleiben wird er.

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iBBC Fernsehdokumentation „The Essential Michael Jackson“, 2002

ii „Bagdad’s Smooth Criminals“ von Andrea Milluzzi, Jungle World 6/13

iiiLive Chat 1995 in den Sony Studios, auf www.youtube.com/watch?v=k0CP0CL7yEQ

ivRede vor dem National Action Network in Harlem, www.youtube.com/watch?v=k7WP4prIwUQ

vBBC Fernsehdokumentation „The Essential Michael Jackson“, 2002

viInterview „Michael Jackson talks to Oprah Winfrey“, ABC 1993

vii Mark Ellie, Choreograf, in BBC Fernsehdokumentation „The Essential Michael Jackson“, 2002

viii BBC Fernsehdokumentation „The Essential Michael Jackson“, 2002

ixEbd.

xEbd.

xiwww.youtube.com/watch?v=k7WP4prIwUQ

xiiSteve Harvey Morning Show 2002, Radio One

xiii Auszug aus dem Interview mit Martin Bashir, Minute 4:33, www.youtube.com/watch?v=UjoIDfsckYY

Dabei Geblieben-soirée in Passau

5. Juni 2018
19:00bis22:00

Loungeabend mit Lesung und Schnapsverkostung.

Vorankündigung: Die notorisch lebensfrohen Baiern aus Passau haben mich eingeladen, doch noch einmal aus meinem Buch «Dabei Geblieben» zu lesen, und sich dafür eine loungige Soirée mit Schnapsverkostung im Anschluss ausgedacht.

Dienstag 05. Juni, 19h, Passau

Save the date. Genaueres folgt.

Ulrike Heider: Keine Ruhe nach dem Sturm

7. Juni 2018
20:00bis23:00

»50 Jahre ’68«

Vorankündigung: Ulrike Heider liest aus ihrem neu aufgelegten Buch »Keine Ruhe nach dem Sturm«, ihrer Autobiographie und umfassenden Beschreibung der Revolten von 68 ff.

Das Buch ist eine ganz besonders intime und ausführliche Beschreibung ihrer Erlebnisse in linken Kreisen in Frankfurt und New York: Hausbesetzungen, Studi-proteste, Solidaritäts-aktionen etc. Ulrike Heider beschreibt dabei detailliert und schonungslos die Degenerierung der Revolte: aus der Bewegung wird Szene, aus Solidarität Zwang, aus Befreiung egoistischer Individualismus, aus der Ablehnung der starren Formen das Bekenntnis zur Spontanität mit einhergehender Beliebig- und damit Belanglosigkeit. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen sind die Schilderungen von befreiten Momenten, von Revolte im Alltag und anders leben so irre inspirierend, scheinen sie so weit weg zu sein und wir ihrer doch so dringend zu bedürfen.

Ich werde diese Veranstaltung moderieren.

Die Idee ist, möglicherweise nach Parallelen zu Erkenntnissen aus meinem Buch «Dabei Geblieben« zu suchen.

07. Juni, Club-Bar King Georg Köln, Einlass 20h, Beginn 21h

Vortrag: Strafe ist Herrschaft

3. Juni 2018
18:00bis21:00

Der Vortrag ist ein Teaser für mein neues Buch »Strafe – Kritik und Alternativen. Eine Einführung«, das (hoffentlich) im Herbst beim Schmetterling Verlag in der Reihe »Black Books» erscheinen wird.

»Auch die klassenlose Gesellschaft wird sich – wenn nötig – gegen Schädlinge sichern. Bestrafen aber – ob zur Vergeltung oder zur Besserung – ist eine Anmaßung des bürgerlichen Klassenstaates.« – Max Hoelz

Strafe ist ein Kern von Herrschaft. Das Überwinden der Straflogik muss daher gleichzeitig Voraussetzung der Überwindung von Herrschaft wie auch ihr Ziel sein. Strafe bedarf immer Institutionen, die sie ausführt, und bedeutet immer, dass sich ein Individuum über das andere erhebt. Wer straft, stellt sich selber ins Recht und den Anderen ins Unrecht. Ohne eine entsprechende Ordnung, die dies verlangt, billigt, ermöglicht und die Umsetzung absichert, ist Strafe nicht denkbar.
Doch wie mit leidvollen Konflikten anders umgehen? Nicht alles erledigt sich durch die Abschaffung des Kapitalismus und die Schaffung bedürfnisorientierter Verhältnisse von selbst. Menschliches Verhalten ist fehlerhaft, Zusammenleben bedeutet immer auch Spannung und Schwierigkeit.
Restorative und Transformative Justice – zu deutsch irgendetwas zwischen „heilende Gerechtigkeit“ und „transformierende Unrechtsbewältigung“ – setzen hier an. Während die Strafjustiz die Justiz des Staates ist, ist RJ/TJ die Konfliktregelung der Leute. Sie fokussiert auf Wiedergutmachung statt Strafe, Reintegration statt Ausschluss und Stigmatisierung, Empathie statt Verurteilung, Dialog statt Verhandlung, Empowerment statt Ohnmacht.
Die Umsetzung von RJ/TJ Praktiken kann in allen Umgebungen, die sich als „Community“ begreifen, hier und heute anfangen. Auch werden verschiedene RJ-Modelle seit den achtziger Jahren in einigen Ländern als Ergänzung zur Strafjustiz angeboten (in Deutschland: Täter-Opfer-Ausgleich/Mediation im Strafverfahren). Doch alles, was die Herrschaft nicht überwindet, trägt nur zu ihrer Erträglichkeit bei oder wird von ihr kooptiert. Das ist ein Spannungsverhältnis, weil die Alternative nicht heißen kann, auf die Umsetzung neuer Ansätze im Jetzt zu verzichten.
Restorative und Transformative Justice Sie sind Modelle für eine selbstbestimmtere Praxis der Unrechtsbewältigung, sowohl im Jetzt als auch in einer befreiten Gesellschaft. Ihren revolutionären Gehalt wird der Vortrag untersuchen und dabei auch auf die Erfahrungen in Chiapas und Rojava eingehen. Nicht zuletzt tut uns allen ein Umdenken im Alltag, ein Ausstieg aus der Straflogik im Umgang miteinander gut.

Ort: neue Gesellschaft für bildende Kunst [nGbK], Oranienstaße 25 – 2. Stock, 10999 Berlin

Veranstalter*innen: Jourfixe Initiative Berlin