Ein- oder Zwei-Tagesworkshops zu Strafe und Alternativen

Neues Format:

Da das Thema Strafe und Alternativen so umfangreich ist und dabei so sehr mit unseren eigenen Erfahrungen zusammenhängt, biete ich ein neues Format zum Buch an. Anstelle einer einfachen Buchvorstellung mit Diskussion, könnt ihr mich auch für einen (teilnehmer*innen-begrenzten) Workshop über ein oder zwei Tage einladen.

Der Workshop teilt sich in zwei Teile: 1. Strafe und 2. Alternativen.

Im ersten Teil erarbeiten wir gemeinsam, was Strafe eigentlich ist und warum wir sie einsetzen. Wir sprechen über unsere Erfahrung mit dem Strafen und Bestraft-werden, über die verschiedenen Kontexte des Strafens sowie über das Gefängnis und den gesellschaftlichen Strafapparat. Dabei geht es auch um die Frage, wie Gesetze und Regeln funktionieren, was Kriminalität und Kriminalisierung bedeutet und was das Ganze mit der Frage nach individueller und kollektiver Verantwortung zu tun hat.
Im zweiten Teil sprechen wir über Alternativen. Was braucht es, um ohne Gefängnis und ohne Strafe auszukommen? Verschiedene Modelle – Stichwort Restorative Justice, Transformative Justice – werden vorgestellt und je nach Zeitrahmen das ein oder andere in einfachen Übungen ausprobiert.

Dazu gibt es Inputs zu Geschichte und Theorie aus meinem Wissensschatz.

Kontakt bitte per Kommentar hier oder über Twitter.

WERBUNG: Camp gegen Repression bei Köln

Hier noch einmal ein Veranstaltungshinweis, der nichts mit mir, aber etwas mit unserem Thema zu tun hat:

Es gibt im September (11.-15.) ein transnationales Camp für praktische Solidarität und gegen Repression, & Knast in Köln-Leichlingen.

Hoffen wir, dass die Idee einer Kritik der Strafe im Allgemeinen auch vorkommt.

solidarity1803

Die Gewalt des Regimes Macron

Da ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Zug nach Frankreich. Vorhin erreichte mich die Nachricht eines Freundes, er sei in Béziers auf der »Marche Blanche«, dem Schweigemarsch, für den ermordeten Steve Canio, und es sei zum Fürchten. Die Polizei mache Tötungsgesten gegenüber den Demonstrant*innen, viele hätten aus Angst bereits die (von Anfang an verbotene: ein verbotener Schweigemarsch!) Demo verlassen, die Stimmung sei äußerst angespannt.
Bald kommt die zweite Nachricht, die Demo löse sich auf, es sei zu gefährlich, und die Polizei singe »Wir haben gewonnen«, außerdem mache sie nun Jagd auf die heimkehrenden Teilnehmer*innen. Ich solle mich bereit halten, gegebenfalls seine Anwältin zu kontaktieren. Noch nie habe er so etwas erlebt, und das, obwohl er an vielen militanten Auseinandersetzungen beteiligt gewesen sei, in Paris, Genf, Lyon und anderswo, er viele Gipfel und Proteste miterlebt habe.

Was ist passiert?

Der 21. Juni, längster Tag des Jahres, wird in Frankreich traditionell im Rahmen der «Fête de la musique» begangen, überall gibt es Konzerte und Parties im öffentlichen Raum. In Nantes waren die Veranstaltungen bis 4 Uhr morgens erlaubt. Um 4h15 (!) griff eine Polizeieinheit in Nantes auf einer Loire-Insel feiernde Student*innen an, viele sprangen aus Panik in den Fluss, einer, Steve, tauchte wochenlang nicht mehr auf, bis vor Kurzem seine Leiche gefunden wurde. Steve Canio ist ertrunken, als er vor einem brutalen Polizeieinsatz flüchtete.
Die Reaktion der Politik war zunächst wochenlanges Schweigen auf die in zahlreichen Medien und von Aktivist*innen und Freund*innen Steve’s gestellte Frage „Wo ist Steve?“ (#oueststeve?). Kein Wort kam der Regierung über die Lippen. Nun, nachdem klar ist, dass Steve durch diesen Polizeieinseatz zu Tode kam, heißt es, die Polizei habe natürlich gar nichts falsch gemacht und Steve sei selber schuld, alle möglichen kruden Versionen wurden verbreitet (und als Lügen entlarvt, zuletzt von einem Statement der Rettungssanitäter, die zum Einsatzort kamen).

Seitdem explodiert das Land vor Wut. Denn der Tod von Steve ist nur der letzte Kulminationspunkt einer immer repressiver und brutaler vorgehenden Regierung. Die Gilets Jaunes (Gelbwesten) haben mindestens einen wenn nicht zwei Tote durch Polizeihand (so etwa Zineb, eine alte Frau, die beim Schließen ihrer Fensterläden in Marseille von einer Tränengasgranate aus geringer Distanz, man kann es nicht anders sagen: abgeschossen wurde) zu beklagen, abgesehen von den Hunderten Schwerverletzter und Verstümmelter (abgerissene Hände und Ohren, zerstörte Augen, andere schwerste Gesichts- und Kopfverletzungen mit bleibender Entstellung) durch den Einsatz der sog. »Flashballs» Schockgranaten und Tränengasgranaten, die systematisch auf Kopfhöhe abgeschossen werden. Dazu kommen die zahlreichen Fälle von Misshandlung und Ermordung (präkarisierter) Jugendlicher (mit Migrationshintergrund) in Polizeigewahrsam (Adamá Traoré tot, Théo vergewaltigt, um nur zwei zu nennen), um die sich seit geraumer Zeit das »Comité Adamá« kümmert, dem auch der Soziologieprofessor und Theoretiker Geoffroy de Lagasnerie angehört. Seine Analysen zur Frage der Polizeigewalt sind brandaktuell und von äußerster Wichtigkeit für diesen Kampf. (Er spricht von »ordre policier« und nicht von »violence policière« um damit zu kennzeichnen, dass alles polizeiliches Handeln gewalttätig ist, und es eine Falle ist, es in legitim und illegitim oder verhältnismäßig und unverhältnismäßig zu unterscheiden, zumal sich die Polizei immer mehr selbst als Macht begreife, die dafür da sei, die »ungewollten« Bevölkerungsanteile (also den Surplus, die Misérables) zu eliminieren).

Nun, das ist der Hintergrund, vor dem heute im ganzen Land der »38. Akt« der Gilets Jaunes im Zeichen des Protests gegen die polizeiliche Tötung von Steve über die Bühne geht. In Nantes dauern zur Stunde die Strassenkämpfe noch an, und es wird von Schusswaffeneinsatz berichtet (ob das stimmt, wird noch zu überprüfen sein, aber es wundert halt niemanden mehr und man hält es, auch vor dem Hintergrund des Verhaltens der Polizei in Béziers, für möglich.) In Paris wird von der größten Mobilisierung seit Monaten berichtet. Die Regierung Macrons hat sich zu einem autoritären Regime entwickelt, das jeden Widerspruch mit brutalstmöglicher Gewalt beantwortet, während sie sich jede Kritik an den Polizeieinsätzen oder den Gebrauch des Begriffs »Polizeigewalt« verbittet, man lebe ja in enem Rechtsstaat, und da sei das per definitionem von vornherein ausgeschlossen.

Mir fällt dazu einfach nichts mehr ein. Ich wünsche mir die Zeit zurück, als Orwells 1984 ein Roman war. Gleichzeitig verneige ich mich vor dem Mut der Leute, auf die Strasse zu gehen, in dem Wissen, das nichts und niemand dich davor schützen kann, selbst Opfer schlimmster Verletzungen zu werden, oder verhaftet und für nichts und wieder nichts für Monate in den Knast zu wandern. Seit Beginn der Gilets Jaunes Proteste wurden Hunderte in Schnellverfahren für Lappalien zu Gefängnisstrafen verurteilt. Wann endlich fällt auch im Ausland auf, dass Macron nur ein auf Schönling getrimmter TrumpPutinErdogan ist? Die Strategie, das schlimmste zu verhindern (nämlich die Machtübernahme durch Marine LePen, also die FaschistInnen*) scheint endgültig als gescheitert angesehen werden zu müssen. Man fragt sich immer öfter: hätte LePen es schlimmer machen können?

Es sind düstere Zeiten.

 

*ich glaub die kodieren sich selber alle als binär, das ist ja schließlich ein faschistischer Laden.

Buchvorstellung Strafe & Gefängnis in BREMEN

16. Oktober 2019
19:00

Genaueres folgt

Buchvorstellung Strafe & Gefängnis in PASSAU

18. Oktober 2019
19:00bis23:00

Genaueres folgt.

Workshop Entknastung – jenseits von Strafe und Gefängnis.

4. Oktober 2019
5. Oktober 2019

Workshop zur Einführung in Restorative Justice

Friedensbildungswerk Köln/ 16 Ustd / Preis 120,- (80,-) / Anmeldung erforderlich / Kurs 80-M1

Dass wir Strafen, erscheint uns eine Selbstverständlichkeit. Manchmal erfüllt sie uns mit Unbehagen, aber wirklich in Frage stellen wir sie nicht. «Strafe ist die Wurzel der Gewalt auf unserem Planeten», schreibt der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, Marshall Rosenberg. Strafe ist ein Kern von Herrschaft: sie bedarf Institutionen, die sie ausführen, und bedeutet, dass sich ein Individuum über das andere erhebt. Um einer friedlicheren und freieren Gesellschaft näher zu kommen, ist daher die Infragestellung von Bestrafung notwendig.  Wie aber kann es anders gehen? Welche Alternativen gibt es?

Der Workshop geht über 2 Tage. Am ersten Tag erarbeiten wir gemeinsam, was Strafe eigentlich ist und warum wir sie einsetzen. Dann werden wir über das Gefängnis sprechen und über den gesellschaftlichen Strafapparat. Können wir uns eine Gesellschaft ohne Knäste vorstellen? Warum und warum nicht? Wo liegen die Schwierigkeiten?  Am zweiten Tag sprechen wir über Alternativen. Was braucht es, um ohne Gefängnis und ohne Strafe auszukommen? Verschiedene Modelle – Stichwort Restorative Justice, Transformative Justice – werden vorgestellt und in einfachen Übungen einzelne Elemente ausprobiert. Zwischendurch gibt es Inputs aus dem Wissensschatz der Referentin.

Begrenzt auf 12 Teilnehmende.

Buchvorstellung Strafe, Gefängnis, Alternativen in INNSBRUCK

19. Oktober 2019
20:00bis23:00

Austria, I’m back! Nach dem wunderbaren Diskussionsabend in Wien Ende Februar, nun Innsbruck.

Cafe Decentral
Hallerstrasse 1
6020 Innsbruck

Frei sein (von Strafe)

2. August 2019
9:00bis18:00

Workshop auf der Peace Summer School in Augsburg

www.uni-augsburg.de/peacesummerschool

Flyer Peace Summer School Augsburg

Buchvorstellung Strafe, Gefängnis, Alternativen im AZ Köln

21. Juli 2019
15:00bis19:00

Vorstellung des Buches und Diskussion mit mir und zwei der Autoren sowie Kaffe & Kuchen!

https://www.facebook.com/events/586955971829006/

Veranstaltet vom Jugendclub Courage eV.

Alte und neue Wege durch den Knast: Solidarität gegen Repression

Ich weise auf diese Verantstaltung hin. Ich bin nicht dort und habe auch nichts damit zu tun, aber ich mache gerne Werbung!

Kleine Kritik: es geht mal wieder um *politische* Gefangene und nicht um das System Gefängnis und somit auch nicht um die Infragestellung von Strafe. Diese Verkürzung muss dringend überwunden werden.

Veranstaltung nächsten Mittwoch, 10. Juli 2019 um 19.30 Uhr auf dem Bauwagenplatz ‚Wem gehört die Welt‘, Krefelder Strasse 0/107, Köln

Die Veranstaltung hat das Ziel, das Thema Knast, Repression und Solidarität wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Viele politisch Aktive wurden in den letzten Jahren zu Haftstrafen von ein, zwei oder drei Jahren verurteilt und oft wurde das nur am Rande wahrgenommen.

Zugleich wurde es in den letzten Jahren auch bei Prozessen gegen Linke üblicher, sich nach dem Motto ‚Strafmilderung gegen Einlassung‘ auf Deals mit dem Gericht einzulassen.

Die Bedeutung von Solidarität mit Gefangenen und von Repression Betroffenen und was es mit solchen Deals auf sich hat, werden Themen der Veranstaltung sein.

Eingeladen sind ehemalige politische Gefangene, die viele Jahre im Knast waren, und Anarchist*innen aktueller Kämpfe im Hambacher Forst, die über ihren jeweiligen – vielleicht gar nicht so unterschiedlichen – persönlichen und politischen Umgang mit Repression und Knast diskutieren werden.

Veranstaltet von Rote Hilfe Köln, ABC-Rhineland und Solidarity1803

Versuch über »Heimat«

Links sei da, wo keine Heimat ist. Diesen pseudoradikalen Spruch habe ich auch lange nachgeplappert. Dabei empfand ich eigentlich immer etwas anderes. Da es nach wie vor als schlaue Strategie »gegen rechts« gilt, auf dem Heimatbegriff herumzuhacken, allen voran Thomas Ebermann in »Linke Heimatliebe«, hier ein Versuch, ihn ideologisch zu entkoppeln. Es geht mir darum, zu zeigen, dass er nichts Böses an sich haben muss, dass es vielmehr ein sinnloses Unterfangen ist, Menschen dazu zwingen zu wollen, sich von einem emotionalen Teil ihrerselbst abzuschneiden, als sei das für die Emanzipation notwendig. Menschen Sentimentalität vorzuwerfen und sich zu wünschen, sie würden auf Grund rationaler Einsicht anders fühlen als sie tun, geht jedenfalls völlig am menschlichen Wesen vorbei und eignet sich eher für die Errichtung von Erziehungsdiktaturen als von freien Gesellschaften. Ich würde im Gegenteil vielleicht sogar soweit gehen, zu sagen, dass das Gefühl des Beheimatet-Seins als Teil von Ich-stärke eine Grundlage für Kosmopolitismus ist.

Ich habe Geographie studiert, eine Wissenschaft die sich mit der Beziehung von Menschen zu Orten befasst. Das Wort »Heimat« bezeichnet eine solche Beziehung. Alena Dausacker, die eine Masterarbeit zum Thema Heimat geschreiben hat, hat diese Mensch-Raum-Beziehung auf den Punkt gebracht. Ich zitiere aus ihrem Twitter-Thread, in dem sie die Gründung des »Heimatministeriums« kritisiert:

„Heimat ist subjektives Geborgenheitsempfinden, das mit einem konkreten, erfahrbaren Raum gekoppelt ist. Einem Dorf, einem Strassenzug, einer Landschaft.“

Und genau deshalb ist »Heimat« etwas anderes als »Patriotismus« oder Nationalstolz:

„Keiner nimmt den fucking Nationalstaat als Raum wahr. Das *können* wir gar nicht.“ Und: „Heimat ist subjektiv und bedeutet für jeden was anderes, wenn es auch bei Leuten aus derselben Region voraussichtlich signifikante Überschneidungen gibt. Heimat ist vor allem an Kindheitserinnerungen gekoppelt.“

Das ist der Grund, warum es sich hauptsächlich um einen Sehnsuchtsbegriff handelt: die Geborgenheit, die Sicherheit, die Sorglosigkeit sind mit dem Erwachsenwerden für immer verloren. Diesen Verlust kann man in einer besseren Welt zwar abfedern – durch soziale Sicherungssysteme und eine angstärmere Lebensgestaltung etwa – verhindern kann man ihn nicht. Erwachsenwerden bedeutet per definition Abschied von der Kindheit und man kann eben niemals dahin zurück, auch im Kommunismus nicht. »Meine Heimat ist die Sehnsucht«, soll der griechich-stämmige New-Yorker Dirigent Dimitri Mitropoulos einmal gesagt haben, wissend, dass der Ort, an den er zurück wollen würde, längst nicht mehr existiert: nicht nur, weil sich der Ort verändert hat, sondern auch, weil er selbst sich verändert hat. Er kommt nicht als der gleiche zurück, als der er weggegangen ist. Heimat ist also vor allem die Vorstellung von etwas.

Der Auskennen und Verstehen–Aspekt der Heimat.

Sich an einem Ort wirklich gut auskennen, seine kleinsten Ecken kennen und seine Veränderungen mitverfolgen und nachvollziehen, ist ein Faktor für das heimatliche Geborgenheitsgefühl. Ein anderer ist das Verstehen und Verstandenwerden. Die Sprache in ihren Nuancen und lokalen Spezialausdrücken durchdringen, sich ohne Anstrengung direkt verständlich machen – auch das fühlt sich nach »Zuhause« an. Diese beiden letztgenannten Aspekte sind die »mobilen« Aspekte von Heimat: Dort wo ich mich gut auskenne und mich verstanden fühle/mich verständlich machen kann, muss ich nicht herkommen, um mich beheimatet zu fühlen. Das kann ich mir aneignen. UND: das muss noch nicht einmal ein geographischer Ort sein. Es gibt auch »soziale« Heimaten – auch Thomas Ebermann dürfte »die Linke« als Heimat empfinden. Und so wie man im Dorf oder Stadtteil, wo man aufgewachsen ist, nicht alle mochte und mag und nicht mit allem einverstanden war und ist, so ist das auch mit einem sozialen Ort wie »der Linken«. Heimat ist nie homogen und widerspruchsfrei.

Zu so einem identitären, widerspruchstötenden Begriff wird Heimat erst, wenn man ihn über den erfahrbaren Raum hinaus ideologisch aufbläst. Alena Dausacker:

„Es gibt im Nationalstaat weder einen gemeinsamen Raum noch gemeinsame Erfahrungen, die heimatstiftend wirken. (…) Heimat ist eng mit Identität verknüpft und beides kann der Staat nur durch Narrative herstellen. Worauf das zwangsläufig hinausläuft, ist eine aufgezwungene Homogenisierung kultureller Erfahrungen(…)“

Man denke an die »identitätstiftenden Maßnahmen« zur Einigung Deutschlands im 19. Jahrhundert. Oder an das Seehofer’sche Heimatministerium.

Es mag Leute geben, die kennen eine solche Beziehung zu einem Raum nicht. Denen »läuft nicht das Pipi in die Augen« beim Anblick heimatlicher Landschaft (so beschrieb Hella von Sinnen einmal ihre Gefühlsreaktion, wenn sie von einer Reise zurück nach Köln kommt und mit dem Zug über die Hohenzollernbrücke fahrend den Kölner Dom erblickt). Das macht ja nichts. Vielleicht haben sie nie lange genug an einem Ort gewohnt, um sich in ihm geborgen zu fühlen, oder sie haben zu viele negative Erinnerungen an diesen Ort, als dass sie Sehnsucht nach ihm haben könnten. Vielleicht fühlen sie sich in sich selbst oder auf andere Art »Zu Hause«.

Ich kenne solche Gefühle durchaus. Bleiben wir beim Kölner Dom, es gibt wahrscheinlich viele Kölner*innen, die Hella von Sinnens Gefühl teilen. Ich selber habe 13 Jahre in Köln gewohnt, aber »Pipi in den Augen« habe ich keins, wenn ich zurückkehre. Ich kenne Köln gut, aber ich kenne es nicht in seiner Tiefe, es fehlt etwas. Und zwar: die gemeinsame Entwicklung mit dem Ort. Mir fehlen die an ihm pappenden Erinnerungen aus einer anderen Zeit (aus der Kindheit). Zwar habe ich lang genug hier gelebt, um manche Orte mit starken Erinnerungen und Gefühlen zu verknüpfen, und es gibt auch ein Gefühl der Vertrautheit, aber für »Heimat« reicht es nicht. Ich stehe beispielsweise noch heute ab und an fassungslos vor der Verwüstung, die die Stadt Köln auf dem Gelände des ehemaligen AZs in Kalk angerichtet hat: Rasen und Container wo einst so viel Leben war – und ich werde melancholisch und wütend. Es ist ein Verlust. Was dort war, war auch ein Stück Zuhause. Aber Heimat?

Landschaften und Orte können eine enorme emotionale Reaktion in Menschen hervorrufen. In »Karte der Wildnis« beschreibt Robert McFarlane, wie manche Menschen Kriege und Gefangenschaft überlebten, indem sie sich gedanklich an ihre liebsten Orte – einen Berg, einen See, Wald oder Wanderweg – versetzten. Das muss nicht unbedingt die Heimat gewesen sein, aber es ist klar, dass es um kleine (Natur-)Räume und eigene Erfahrungen geht, nicht um Staaten (die ja ästhetisch nur abstrakt erfahrbar) oder Länder (die auf Grund ihrer Größe kein erfahrbarer Naturraum sind) und schon gar nicht um deren widerspruchsbefreite Totalität, als bedeute Heimat, dass man auch mit der Politik der Regierung einverstanden ist. Im Gegenteil: ich kenne viele linke Bayer*innen, die sich in ihrer Landschaft sauwohl und mit ihr und ihrer Geschichte verbunden fühlen, aber im Dauerklinch mit der herrschenden Politik und mit manchen der anderen Einwohner*innen liegen.

Ich bin selbst so eine. Mich faszinieren alle möglichen Landschaften und ich kann vor der Schönheit der Natur in die Knie gehen (und über ihre laufende Vernichtung durch die Menschheit verzweifeln), aber nirgends breitet sich in mir diese sorglose Ruhe aus wie am Ufer des Starnberger Sees, den ich mit all seinen Stimmungen kenne wie keinen, in dem ich bei jeder Wetterlage gebadet habe, dessen Geschichte und Geschichten mir vertraut sind, in dem ich schwimmen gelernt habe und dem ich als Jugendliche meine Sorgen anvertraute. All das ist präsent, wenn ich ihn heute besuche. Das gute und das schreckliche. Genau deswegen ist er Heimat – das kann der Rhein oder das Mittelmeer niemals sein, hier war ich nicht glückliches Kind und nicht deprimierte Jugendliche. Und es gesellen sich andere Erinnerungen dazu: der Geschmack von frischen Radieschen und Schnittlauch auf Butterbrot. Der Geruch der trocknenden Seekiesel und des alten Mannes, der uns in seiner Kiosk-Hütte Ed von Schleck Eis verkaufte. Der Gesang von Amseln und das Zilpen von Schwalben, die über dem Wasser Mücken fangen. Läutende Kirchenglocken. Menschen die sich »Servus« begrüßen und der Geschmack von Augustiner-Bier. Das Platschern der Wellen. Der Blick auf die Zugspitze – oder nicht, je nach Wetterlage. Natürlich gibt es all die Elemente anderswo auch, aber es gibt sie nicht so. Ihre Kombination ist immer einzigartig. Schon der Ammersee ist nur noch halb Heimat. Und der Chiemsee ist schön, aber Heimat ist er eigentlich nicht mehr, denn ich kann mich zwar verständigen und ich kenne die kulturellen Codes, aber er ist mir nicht vertraut.

Wurzeln und Flügel

Es gibt dieses ausgelutschte Sprichwort, nachdem Eltern ihren Kindern Wurzel und Flügel mitgeben sollen. Dahinter steckt die Idee, dass ein psychisch starker Mensch, der sich seiner Herkunft und seiner Geschichte bewusst ist – der also Wurzeln bekommen hat, zu denen er stehen kann – offener ist für Veränderung, leichter damit umgehen kann, sich nicht so schnell bedroht fühlt. Das sind psychologische Basisweisheiten. Und doch werden sie im politischen Handgemenge gerne übersehen. Und so wird dann im Kampf gegen »rechts« der Heimatbegriff über Bord geworfen, anstatt ihn zu differenziert zu denken. Wieso diese Denkfaulheit? Das ist zwar ganz nett, wenn man unter sich bleiben und sich dabei für möglichst radikal halten will, es führt aber nicht weiter und argumentiert am Erleben der Menschen vorbei. Bairische Linke sehen seit Jahrzehnten mit einer gewissen Stoizität über diese (nord-)deutschen Anti-Heimat-Allüren hinweg. Nirgends habe ich Anarchie und Heimatverbundenheit so schön im Einklang gesehen. Antinazi-demos mit Dirndl. Das ist Drag! Da lässt sich was zurückerorbern und umdeuten. Hier wird schon lange von links um die Deutungshoheit gekämpft: die Kritik von Achternbusch, dass, wo früher Bayern war, heute »die Welt« sei, ist gerade NICHT als ein Beharren auf lokalem Hinterwäldlertum zu verstehen, sondern als eine frühe Kritik an der gleichmachenden kapitalistischen Kultur, die alle Eigenheiten verwurstet und einen Einheitsbrei ausspuckt, um »aus Fremden Konkurrenten machen« zu können (Marianne Gronemeyer), die sich so besser ausbeuten lassen.

Es macht also Sinn, einen individuellen und auf konkreten Erfahrungen bezogenen Heimatbegriff stark zu machen, weil man so einen ideologischen Heimatbegriff aushebeln kann, der nur der Aufrechterhaltung der Herrschaft dient. Mit der Verteufelung des Heimatbegriffes gewinnt man aber keinen Blumentopf und schon gar nicht die Herzen der Menschen. Dort, wo ich eine oder auch mehrere Heimaten haben darf und kann, teile ich sie gerne mit anderen, kann ich sie gelassen kritisieren und sie in ihrer Widersprüchlichkeit anerkennen. Da, wo man sie mir wegnehmen will oder abspricht, werde ich sie gegen diese Angriffe verteidigen und zunächst für mich behalten wollen. Womit sich dann linke Heimatkritiker*innen darin bestätigt fühlen, dass Heimatverbundenheit zu Fremdenhass und Kleingeistigkeit führt und man sie umso mehr bekämpfen muss, was auf der anderen Seite zu umso verstärkten Verteidigungsaktivitäten und Verlustängsten führt. Was für ein Theater!

Um mit Alena Dausacker zu enden:

»Habt eure Heimaten, wo ihr wollt. Wechselt sie, spielt mit ihnen, fasst sie so groß oder  klein, wie ihr wollt. Aber seid Euch dessen bewusst, dass Heimaten euch allein gehören, denn jed*r hat eine eigene.« (oder mehrere)


Terminkalender

August 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031 
September 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30EC
Oktober 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031EC